Durch Eis und Schnee


Alpenexpedition 2008

Es ist der Abend des ersten Oktober. Irgendwo in Oberstdorf schlägt eine Kirchturmuhr neun mal. Auf den Parkplatz gegenüber der Touristeninformation biegt ein etwas klappriger roter Peugeot Kombi, bis zum Dach beladen mit Ruck- und Schlafsäcken, warmen Pullovern, langen Unterhosen und Lebensmitteln (hauptsächlich "energiespendenden" Rosinen – das passiert, wenn Männer einkaufen gehen). Irgendwo in diesem Chaos sitzen Tobi, Christian und Mario, mit denen wir (Rike und Tina) in den nächsten Tagen eine Tour durch die Alpen unternehmen wollen. Unser endlich vereintes Grüppchen brennt vor Energie und wir machen uns auf die Suche nach dem Abenteuer, das von unserer Ankunft bereits informiert worden ist und im Schatten der Berge auf uns wartet.
Die mit einem Tortenessen im Laternenschein eingeleitete Nacht verbringen wir einige Kilometer von Oberstdorf entfernt im Kleinwalsertal in Österreich. Als Zuflucht dient uns eine halbverfallene Bruchbude im Wald, in der anscheinend jemand vor nicht allzu langer Zeit versucht hat, den Schimmel an den Wänden mit Holzleisten zu verdecken und Etagenbetten aufzustellen, dann aber die Lust verloren haben muss. Wenn man von den vermuteten tierischen Untermietern absieht, ist die Unterkunft völlig zweckmäßig, immerhin jedenfalls trocken.
Der Drang, endlich aufzubrechen und dem Gebrüll des Berges zu folgen, ist am nächsten Morgen noch größer. Es wird allerdings ein Uhr, bis wir uns endlich am Fuß des von uns auserkorenen Bergweges – der uns hinauf zur Rappenseehütte auf 2091 m bringen soll – wiederfinden. Den größten Teil der vorausgegangen Stunden haben wir damit verbracht, uns über die Lage in den Bergen zu informieren; die ernüchternden Hinweise auf kommenden Schnee, vereiste Pfade und absolut notwendige (aber in unseren Rucksäcken nicht vorhandene) Eispickel sind an unserem Energieschild abgeprallt, ohne uns in irgendeiner Weise entmutigen zu können. Wenn wir oben auf dem Berg sind, können wir uns im Notfall immer noch in einer Berghütte verkriechen, so denken wir uns.
Der Aufstieg – fast 1200 Höhenmeter – führt uns durch herbstliche Wälder, moderndes Unterholz und an Alpenwiesen vorbei. Den Blick ins Tal versperrt uns allerdings eine trübe Suppe aus Wolken und Nebel. Was wir umso deutlicher sehen können, ist der Schlamm, der alles, was ihm zu nahe kommt, mit einer dicken braunen Schicht überzieht. Immerhin bewahrt er uns, indem er sich an unseren Schuhen festsaugt, vorm Ausrutschen. Auf spätestens 1900 m breitet sich akute Höhenalbernheit aus, der auch Christians Anfeuerungsrufe ("Ey, ihr Pisser! Wo bleibt ihr denn?") nicht den Garaus machen können. Trotzdem trudelt gegen sechs auch die Nachhut an der Rappenseehütte ein.
Wir haben Glück; uns wird das zwar völlig ausgekühlte – in der ganzen, 300 Lager und 42 Betten fassenden Hütte gibt es keine Heizung, noch nicht einmal im Trockenraum –, aber gemütliche Fünferzimmer 29a mit Matratzenlager zugewiesen. Im rustikalen Gastraum nehmen wir einen Ecktisch in Beschlag und kochen uns dann vor der Haustür Nudeln mit Tomatensoße, den irritierten Blicken der wenigen anderen Gäste und des Personals zum Trotz.
Wir gehen früh zu Bett, weil wir uns für den nächsten Tag den Heilbronner Weg vorgenommen haben, der die Rappensee- mit der Kemptner Hütte verbindet und geschätzte sechs bis sieben Stunden in Anspruch nehmen wird. Als Christian um halb sieben am nächsten Morgen das kleine Fenster sperrangelweit aufreißt, müssen wir allerdings feststellen, dass sich die Wetterlage ein wenig verändert hat. Offenbar hat es in der Nacht kräftig geschneit. Vorteil: Man sieht den hässlichen Matsch nicht mehr. Nachteil: Auch die Wegzeichen sind nicht mehr zu erkennen. Außerdem sind die Pfade glatt – Geröll und Eis werden von einer trügerischen Schneeschicht bedeckt, sodass die weniger Trittsicheren unter uns (Tina) ständig stolpern und abrutschen, während die Trittsicheren (der Rest) ihr Tempo extrem verlangsamen müssen. Das ist aber noch nicht alles; schon bald erschweren Nebel und Schneetreiben die Sicht, ein eisiger Wind pfeift über unsere eingemummten Köpfe hinweg, wir kämpfen uns durch teilweise knietiefen Schnee die Hänge hoch und zu allem überfluss beginnt das Wasser in unseren Flaschen zu gefrieren. (Klingt hart? Ganz richtig!)
Irgendwann erreichen wir endlich den Beginn des Heilbronner Weges, ein hässliches kleines Metallschild an einer Bergwand. Wir schöpfen wieder Hoffnung. Aus einem unerklärlichen Grund haben wir das Gefühl, das Schlimmste liege hinter uns (das soll sich als Irrtum herausstellen). Solange Drahtseile den rutschigen Pfad sichern, können wir ihn nicht verfehlen, aber nach einigen Höhenmetern liegt vor uns nur noch: Berg. Schroffer, schneeiger, steiler Berg. Die letzte Markierung hat uns freundlich auf halber Höhe angelächelt, danach jedoch lässt sich der Weg noch nicht einmal mehr erahnen und den Rest unseres Anstiegs legen wir mehr fallend als kletternd zurück, ohne zu wissen, ob wir überhaupt die richtige Felswand entlangkraxeln. Irgendwann wird uns klar, dass sie ganze Aktion doch etwas leichtsinnig ist – aber Mario macht uns Mut ("Wenn wir jetzt sterben, dann wenigstens unter Freunden", "Wenn wir jetzt sterben, ist das nicht schlimm, denn wir sind ja alle Singles", "Wenigstens machen wir tolle Fotos"). Als sich vor uns nur noch Fels auftürmt, ist endgültig Schluss. Obwohl Christian und ein einsamer Wanderer, den wir später Lukas taufen, ihr Bestes geben, finden wir nicht wieder auf den Pfad zurück. So machen wir uns ziemlich ermattet auf den Weg hinunter zur Rappenseehütte, durch Schneechaos und – das gilt für den bereits erwähnten weniger trittsicheren Teil der Gruppe – zumeist auf dem Hintern.
Zurück auf 2091 m nehmen wir erst einmal ein Drittel des lauwarmen Trockenraums in Beschlag, verlangen an der Rezeption forsch nach Zimmer 29a und nisten uns hernach im Gastraum an "unserem" Ecktisch ein. Christian beschert den anderen Gästen einen netten Anblick: Er hat seine einzige Hose zum Trocknen aufgehängt und eine Wolldecke um seine Hüften drapiert, die allerdings ab und zu Opfer der Schwerkraft wird. Der Nachmittag vergeht mit Mensch-ärgere-Dich-Nicht (das nehmen wir wörtlich) und warmem Apfelstrudel; am Abend wird unser Fahrtenessen durch einen Berg Pommes und Schnitzel aufgestockt – ein Geschenk der Damen vom Nachbartisch, denen die Portionen zu groß sind. Ganz offensichtlich sind sie heute nicht im Angesicht des Todes eine Bergwand entlanggekreucht. Dass der Heilbronner Weg noch am gleichen Abend gesperrt worden ist, wie wir zufällig mithören, verstärkt unsere gute Laune noch, die wir unbeschadet durch Schnee und Geröll gerettet haben.
Früh am nächsten Morgen machen wir uns daran, unsere sämtlichen, noch immer feuchtklammen Besitztümer von den Ablagen im Trockenraum zu pflücken. Nach einem gemütlichen Frühstück (nicht ohne eine ordentliche Portion Rosinen) beginnen wir den Abstieg und treffen auf halber Höhe einen alten Bekannten wieder: Den Matsch. Aber als ob das Chaos von unten nicht genug wäre – man bedenke, dass jeder Sturz jetzt zu einer unangenehmen Schlammschlacht wird – verwandeln sich auch die hübschen weißen Schneeflocken in öden Regen. Das macht uns besonders zu schaffen, weil wir von der Schwarzen Hütte aus (1225 m) noch zweieinhalb Stunden das Tal entlangwandern müssen, bevor wir endlich den Parkplatz erreichen, auf dem wir Tobis Auto haben stehen lassen. Die Spaziergänger, die wir dabei treffen, zeigen sich nicht im Mindesten erstaunt, uns noch so gesund und munter am Leben zu sehen. Völlig unbeeindruckt gehen sie ihrer Wege. - Pech gehabt! Wer weiß, ob sie jemals wieder eine Gruppe echter Helden treffen werden.
Nass, wie wir sind, liegt uns nichts daran, noch länger im Rappenalptal zu bleiben. Stattdessen fassen wir den Plan, bei IKEA zu Mittag zu essen. Die drei Nicht-Riecks ahnen noch nicht, wie sehr sie ein anständiges Essen brauchen werden, um die Autofahrt zu überstehen. Momentaufnahme: Tobi (auf dem Fahrersitz) macht mitten auf der Autobahn einen wilden Schlenker mit dem Lenkrad, sodass sämtliche Insassen des Peugeots entsetzt in die Höhe fahren. Christian (auf dem Beifahrersitz) streckt derweil, an seinem Pulli nähend, den linken Arm direkt vor dem Gesicht seines Bruders aus, um irgendein Manöver mit der Nadel zu vollführen. Danach stellt er zum dreiundvierzigsten Mal an diesem Tag, wild headbangend, den Radiosender neu ein, ändert ihn jedoch gleich wieder, als der Rest der Gruppe (auf dem Rücksitz) begeisterte Zustimmung äußert. Dazwischen kräht das Navi wirre Befehle.
Irgendwie kommen wir jedoch, bis auf einen Nervenschaden wohlbehalten, zu Hause an, mit einem festen Beschluss im Gepäck: Im nächsten Sommer wollen wir erneut versuchen, den Heilbronner Weg zu gehen. Ohne Schnee, ohne Matsch – und ohne Rosinen.

tiri