Mensch, wo bist du?


Evangelischer Kirchentag 2009

Mensch, wo bist du? Das Motto des 32. Evangelischen Kirchentags ist eigentlich eine blöde Frage: Der Helfereinsatz auf dem Kirchentag ist bei uns schließlich Tradition. Nach Frankfurt, Berlin, Hannover und Köln war diesmal Bremen an der Reihe. Ein wenig ab vom Schuss, zugegeben; aber irgendwie musste ja ein ordentliches Gegengewicht zu München gesetzt werden – dort findet nämlich nächstes Jahr der ökumenische Kirchentag statt.
Drei Eigenschaften, die Bremen gegenüber München auszeichnen:
1. Wenn man sich mit Bremern unterhält, kann man sie einwandfrei verstehen.
2. Bremen gehört noch zu Deutschland.
3. Bremen hat einen sympathischen Fußballverein.
Verglichen mit der ungemütlichen Turnhalle in Köln war unsere Unterkunft in diesem Jahr wirklich luxuriös. Die Klasse 7k des äußerst zentral gelegenen Kippenberg-Gymnasiums war so freundlich, uns für die Dauer unseres Aufenthaltes ihren Klassenraum zur Verfügung zu stellen, wobei das Arrangement wahrscheinlich nicht nur auf unserer Seite große Zufriedenheit hervorrief. A propos Zufriedenheit: Das Tollste am Bremer Kirchentag war unsere Einsatzstelle, sonst meist eher eine Quelle unsäglicher Langeweile. Aber diesmal waren wir für die Gepäckaufbewahrung eingeteilt – das heißt, wir herrschten nahezu uneingeschränkt über ein je nach Schicht chaotisches Eckchen Zelt, in dem wir mehr oder minder geordnet alles zur Aufbewahrung ablegten, was die Kirchentagsbesucher abgeben wollten.
Die drei seltsamsten Gepäckstücke:
1. Zwei Paddel.
2. Eine Kaffeetasse.
3. Ein Baum.
Die Gepäckaufbewahrung hatte von morgens um neun bis abends um elf durchgehend geöffnet. Wir teilten, weil wir ein ziemliche großer Haufen Leute waren, drei Schichten ein, sodass jeder von uns einen großen Teil des Tages zur freien Verfügung hatte. Einzige Ausnahme war Philip, der sich das Rieck'sche Arbeitsethos offenbar gründlich zu Herzen genommen hatte und (anders als Riecks) eigentlich immer arbeitete. Verdenken konnte man ihm das allerdings nicht - die meisten Besucher, die bei uns vorbeischauten, begegneten uns mit so viel Freundlichkeit und Geduld, dass unsere Arbeit wirklich eine Freude war. Diejenigen, die nicht freundlich waren, waren entweder unfreundlich, oder sie erheiterten uns durch ihre Schusseligkeit (indem sie zum Beispiel einen Rucksack abholen wollten, den sie die ganze Zeit auf dem Rücken trugen). Mit anderen hatten wir sehr spezielle Erlebnisse, beispielsweise mit unserer Freundin, der Wetterfee:

Mittagszeit. Strahlender Sonnenschein. In einem Zelteingang eine provisorische Theke, die aus einem Biertisch besteht. Darüber das Schild "Gepäckaufbewahrung – 09:00 Uhr bis 23:00 Uhr". Hinter der Theke drei vergnügte, ein wenig alberne PFADFINDERINNEN.
Eine ältere
DAME von gedrungener Gestalt nähert sich dem Zelteingang.
DAME: Entschuldigung ...
PFADFINDERIN 1 (eifrig): Ja?
DAME: Wissen Sie, wie das Wetter heute noch so werden soll?
PFADFINDERIN 2 (leicht irritiert, zieht die auf dem Tisch liegende Helferdepesche zu sich heran): Also ... hier steht, dass es heute Nachmittag möglicherweise Gewitter geben wird... aber im Augenblick ...
DAME: Ach so, vielen Dank. Sie marschiert zur ausgeklappten Rampe des neben der Gepäckaufbewahrung parkenden LKWs und breitet den gesamten Inhalt ihres Rucksacks darauf aus. Umständlich zieht sie eine knallblaue Regenjacke über.
PFADFINDERINNEN wechseln ungläubige Blicke.
DAME schließt die Regenjacke bis zu Hals.
PFADFINDERINNEN können sich das Grinsen nicht mehr verkneifen.
DAME setzt die Kapuze auf und zurrt sie fest.
PFADFINDERINNEN prusten in sich hinein.
DAME beginnt erneut, in ihrem Rucksack zu kramen, und zieht schließlich ein Paar olivgrüne Gummistiefel heraus, die sie ohne Umschweife anzieht.
PFADFINDERIN 3 bricht hinter der Theke lachend zusammen.
DAME stiefelt zurück zur Theke, um ihr Gepäck abzugeben. (munter): So, jetzt kann der Regen kommen!

Da ein unglaublicher Andrang herrschte, konnte man in dem uns zugeteilten Bereich des Zeltes bald keinen einzigen Schritt mehr tun, ohne über einen Koffer oder eine Tasche zu stolpern, und es wurde immer schwieriger, Gepäckstücke auszugraben, die wieder abgeholt werden sollten. Gerade am Anfang kam verschärfend hinzu, dass wir, weil wir von der Aufbewahrungshalle für Instrumente noch nichts gehört hatten, den halben Raum mit Tubas, Trompeten und Triangeln (oder so ähnlich) vollstellten. Als wir immer mehr schwer beladene Leute abweisen mussten, wurde uns ein LKW zugeteilt, in den wir einen Teil der Gepäckaufbewahrung auslagern konnten. (Später sollten aus dem einen LKW drei werden.)
Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt waren, hübsche lila Gepäckbändchen um Koffergriffe zu kleben oder mit verzweifeltem Rufen ("Ich suche die 4295!") durchs Gepäckmeer zu irren, genossen wir unsere Freizeit. Unvergesslich bleibt zum Beispiel der Abend, an dem wir in Manuels Geburtstag hineinfeiern wollten und uns zu diesem Zweck in der Helferkneipe versammelten – ein Café im Helfer-Backstage-Bereich, in dem neben der preisgünstigen Bionade besonders das Single-Brett von zentraler Bedeutung war, zumindest für den männlichen und ledigen Teil unserer Gruppe. (Auf die erhofften Zuschriften junger, hübscher Mädels warten Christian, Tobi und Mario allerdings noch immer.) Wie dem auch sei, als wir in der Helferkneipe ankamen, vergnügte man sich dort bereits ausgelassen mit Sing Star. Dass das Repertoire auch einige Schlager umfasste, entging Mario natürlich nicht: Er ließ es sich nicht nehmen, mit "Im Wagen vor mir" und anderen bezaubernden Hits einen wertvollen Beitrag zur atmosphärischen Gestaltung unseres Aufenthalts beizusteuern. Als wir dann um Mitternacht mit einem etwas heiseren "Happy Birthday" dezent auf Manuels Geburtstag aufmerksam machten, überreichten die Organisatoren der Helferkneipe Manuel freundlicherweise eine Fässchen mit vierzig Bockwürstchen.
Drei Vorteile dieses Geschenks:
1. Manuel muss sich für ein Weilchen keine Sorgen um seine Ernährung machen.
2. Sollte er auf den Gedanken kommen, spontan eine Bockwürstchenparty zu veranstalten, muss er keine Bockwürstchen kaufen gehen.
3. Falls er das Fässchen eines schönen Tages geleert hat, kann er darin sein Gespartes aufbewahren (ein besonders wichtiger Aspekt in Zeiten der Finanzkrise).
Wenn wir nicht in der Helferkneipe saßen, machten wir Bremens Innenstadt unsicher oder nutzten die Tatsache, dass wir als Helfer freien Zutritt zu allen Veranstaltungen hatten. Neben Konzerten von den Wise Guys, Thomas D., Ararat und einer ominösen Metal-Band, auf deren Konzert Tobi und Christian gesichtet wurden, besuchten wir zum Beispiel Vorträge von Angela Merkel und Peer Steinbrück. (Wer in dieser Zeit Schicht hatte, nahm die gefährlichen Waffen – hauptsächlich Regenschirme und Klappstühle – in Empfang, die vor den Eingängen abgegeben werden mussten, um ein Attentat zu verhindern. Anscheinend hatte niemand bedacht, dass wir damit zu Hütern eines gewaltigen Waffenarsenals wurden.)
Ein beliebtes Ziel aller nicht-Arbeitenden war auch die "Überseestadt" am Bremer Europahafen, wo sich in diesem Jahr unter anderem auch der Markt der Möglichkeiten befand. Ansonsten war das Ganze aber eher enttäuschend: Das beweist unter anderem die Tatsache, dass alles, was mir beim Stichwort "Überseehafen" einfällt, ein blaues Kamel ist. Das Kamel stand auf einem Schiff, weckte Fernweh und entschädigte mich für den unfassbar langen Weg zum Hafen und die unfassbar überfüllten Straßenbahnen, die es ratsam erscheinen ließen, den unfassbar langen Weg auch noch zu Fuß zurückzulegen.
Wie schon in den letzten Jahren hatte auch dieser Kirchentag ein Ende, das, wie immer, völlig überraschend kam. Als wir am Sonntagmorgen erkannten, dass Sonntag war, sammelten wir unsere Habseligkeiten ein und machten uns auf den Weg zum Bahnhof, wo wir noch ein wenig in der Sonne herumlagen, bevor uns ein vorbeifahrender Zug netterweise mitnahm. - An dieser Stelle sollten nun eigentlich ein paar sentimental-erwartungsvolle Worte zum Thema "Es war toll und wir freuen uns schon auf das nächste Mal" stehen. Dummerweise sind diese Worte immer wahr, deswegen bleibt mir nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass der Bremer Kirchentage einer der schönsten bisher war und dass wir uns alle schon sehr auf München freuen – obwohl man die Menschen dort nicht versteht, wir für den Besuch der Stadt neue Reispässe beantragen müssen und der Fußballverein .... aber lassen wir das.
Drei Dinge, die zuallerletzt noch erwähnt werden sollten:
1. Wir hatten während unserer Schicht viel Spaß mit einem herumliegenden Megaphon, mit dessen Hilfe wir versucht haben, die Weltherrschaft an uns zu reißen.
2. Hat nicht funktioniert.
3. Dieser Bericht stellt intertextuelle Bezüge zu einem britischen Roman von 1995 her. Wer erkennt, um welches Buch es sich handelt, bekommt ein Bockwürstchen.

tiri