Die Siedler von Franconia


Vier-Stämme-Lager am Altmühlsee

Unruhe macht sich breit unter den Bewohnern Thyamons, die sich am Ufer des Altmühlsees versammelt haben. Ihre Heimat mussten sie auf der Flucht vor den gefürchteten Taringern verlassen, nun warten sie auf die Rückkehr der Krieger, die zur Verteidigung der Stadt zurückgelassen worden waren. Plötzlich hört man ein Geräusch, das direkt aus den nachtschwarzen Wassern des Sees zu kommen scheint. Gebannt schauen alle hinaus auf den See, als fünf Gestalten – darunter Lavinia, die Tochter des Stammeshäuptlings, und die beiden Krieger Arios und Orios – triefend nass an den Strand waten. Als einzige konnten sie sich der Gefangennahme durch die Taringer entziehen und erschöpft erzählen sie von ihrer Flucht, während am anderen Ufer des Sees Explosionen vom Untergang Thyamons künden. Eine Rückkehr in die alte Heimat scheint nun unmöglich, doch niemand denkt ans Aufgeben. Stattdessen ist schnell klar: Als Siedler von Franconia wollen die ehemaligen Bewohner Thyamons eine neue Stadt aufbauen.
Wir schreiben den 03.08.2013 und die Explosionen am Nachthimmel haben natürlich nicht wirklich mit dem Untergang einer Stadt zu tun, sondern sind Teil des Feuerwerks, das an diesem Abend über Gunzenhausen im Rahmen der Aktion "Altmühlsee in Flammen" abgebrannt wird. Und die Siedler von Franconia sind auch keine heimatlosen Flüchtlinge, sondern etwa 95 Pfadfinder der BPS-Stämme aus Breitscheid, Essen, Porta Westfalica und Neu-Anspach, die auf dem DPSG-Zeltplatz am Altmühlsee gemeinsam ihr diesjähriges Sommerlager abhalten. Größtenteils per Bahn und auf den letzten Kilometern zu Fuß waren sie angereist, hatten an diesem heißen Sommertag eine Stadt aus Schwarzzelten aufgebaut und ein erstes Bad im kühlen See genossen, und nun war der Zeitpunkt gekommen, für die nächsten acht Tage als "Siedler von Franconia" ganz ins Lagerthema einzutauchen.
So gingen dann auch am gleich nächsten Morgen alle fleißig ans Werk, um die Stadt Franconia zu erweitern und ein großes Versammlungszelt zu errichten, in dem alle Franconier Platz finden würden. Am Nachmittag wurde ein gemeinsamer Gottesdienst abgehalten, der sich – genau wie die täglichen Andachten – mit einem Mann aus der Bibel befasste, der ebenfalls seine Heimat verlassen und in einem fremden Land Fuß fassen musste: Joseph. Ausgehend von Josephs Lebensweg wurde die Frage gestellt: Wie sieht dein Weg mit Gott aus? Am Abend wurde die neue Großjurte mit einer feierlichen Lagerfeuer- und Singerunde eingeweiht und das Lager damit offiziell eröffnet.
Am nächsten Tag war es mit der ruhigen Zeit in Franconia schon wieder vorbei, denn die Sippen machten sich auf den Weg, die Umgebung nach Rohstoffen abzusuchen, um das Überleben Franconias zu sichern. über Felder und durch dichte Wälder wanderten die Pfadfinder und hielten dabei immer die Augen nach den mit einem roten Fähnchen markierten Rohstoffdepots offen. Die meisten Gruppen suchten sich gegen Abend einen Schlafplatz, spannten ihre Zeltplanen auf oder schliefen unter freiem Himmel in der warmen Sommerluft. Nur eine Sippe war noch bis weit in die Nacht hinein unterwegs, um alle Depots erreichen zu können, was tatsächlich auch gelang. Nach der Rückkehr am nächsten Morgen stürzten sich die verschwitzten Franconier sofort zu einem ausgiebigen Bad ins kühle Wasser des Sees und verbrachten dort einen Großteil des Nachmittags. Nach den anstrengenden Wanderungen in brütender Hitze hatten sich das die Pfadis aber auch redlich verdient.
Am späten Nachmittag war es mit dem schönen Wetter vorerst vorbei, als ein Gewittersturm über das Lager fegte und die Lagerteilnehmer dazu zwang, mehrere Zelte aus Sicherheitsgründen abzulassen und selbst bis zum Ende des Sturms in den mit zusätzlichen Heringen gesicherten Gemeinschaftszelten und der Garage des Lagerplatzes Zuflucht zu suchen. Erst als sich Wind und Regen wieder verzogen hatten, trauten sich die Pfadis wieder ins Freie, begutachteten die Schäden an der Großjurte und machten sich an den Wiederaufbau der Essener Zelte, die es besonders stark getroffen hatte. Dank vieler fleißiger Hände – im Sturm waren auch unsere Nachbarn auf dem Zeltplatz zur Hilfe geeilt – stand aber am nächsten Tag wieder alles und das Lagerleben konnte seinen gewohnten Lauf nehmen.
Doch nicht nur der Sturm brachte Unruhe nach Franconia: Lavinia, Arios und Orios waren in Streit geraten, wer nach der Gefangennahme des Häuptlings neuer Anführer werden sollte. Schließlich wurde beschlossen, die Clans der drei Kontrahenten in verschiedenen Wettkämpfen von Wikinger-Schach über das Entschlüsseln von Geheimschriften bis hin zum Schwimmnudelfechten gegeneinander antreten zu lassen, um so den neuen Häuptling zu küren. Gerade, als der Wettbewerb der Sippen in vollem Gange war, kam jedoch die Botschaft, dass die Taringer auf dem Weg nach Franconia seien. Jetzt war schnelles Handeln gefragt: Die zerstrittenen Kontrahenten einigten sich auf eine sogleich stattfindende demokratische Wahl, bei der Lavinia mit großer Mehrheit zur neuen Anführerin gewählt wurde. Gemeinsam mit ihren Stellvertretern Arios und Orios und den anderen Siedlern von Franconia stellten sie sich den gefürchteten Taringern entgegen, verteidigten den Schatz Thyamons und schafften es schließlich sogar, sämtliche Taringer gefangen zu nehmen.
Abends füllte sich die gerade rechtzeitig wieder neu errichtete Großjurte dann mit lautem Gesang und Gitarrenklängen, und Fahrtenlieder aus dem Liederbock und dem Bepeli schallten beim Roverabend über den Lagerplatz, so dass auch drei DPSGler vom benachbarten Stamm angelockt wurden und sich spontan zur Runde gesellten. Erst nach Mitternacht fand das Singen ein Ende, denn am nächsten Tag mussten alle fit sein: Um sicher zu gehen, dass kein Taringer mehr den Frieden Franconias bedrohte, wurde die Gegend mit dem Kanu abgesucht. Von Solnhofen nach Dollnstein ging es dafür die Altmühl hinab und auch zwei Bootsrutschen mustern gemeistert werden, was das ein oder andere Boot zum Kentern brachte, den nassen Insassen aber keinesfalls den Spaß an der Tour nahm. Taringer entdeckte keiner, aber dafür fand man einen freigelassenen Gefangenen, der berichtete, dass die Feinde in ihre Heimat zurückgekehrt waren und Thyamon und die Gefangenen frei seien.
Das musste am nächsten Tag natürlich gefeiert werden, aber zunächst einmal standen Workshops auf dem Programm: Die Franconier genossen den Frieden und widmeten sich der Seifen- und Lippenbalsamherstellung, dem Fackelbau, dem Knüpfen von Armbändern oder dem Schnitzen von Halstuchknoten. Ein paar Pfadis zogen auch mit einer Kamera über den Platz, um einen kurzen Lagerfilm zu drehen. Abends freuten sich alle über das große Mehr-Gänge-Menü, für das in der Jurte der Turmfalken extra eine Dönerbude errichtet worden war, und zogen dann zum Bunten Abend ins Versammlungszelt. Verschiedene Sippen hatten dafür Beiträge vorbereitet, die berühmt berüchtigte "Elisabeth" ließ alle näher zusammenrücken und schließlich wurden auch die Siegersippen des Hajks und des Großen Spiels geehrt, die aus allen vier Stämmen kamen. Später am Abend wurde heißer Tschaj ausgeschenkt, während alle gemütlich ums Feuer saßen.
Und dann war auch schon die Stunde des Abschieds gekommen: Am nächsten Morgen verwandelte sich die Schwarzzeltstadt in kürzester Zeit wieder in eine (leicht mitgenommene) Wiese und gepackte Rucksäcke standen zum Abmarsch bereit. Doch bevor sich die Stämme wieder getrennt auf die Fahrt nach Hause machten, war natürlich der Augenblick für den großen Abschlusskreis gekommen. In den acht Tagen des Lagers waren die Siedler von Franconia zu einem großen Stamm zusammengewachsen; es waren neue Freundschaften entstanden und alte wieder erneuert worden. Doch auch, wenn sich die Wege nun wieder trennten, so bleiben doch viele gemeinsame Erinnerungen: An das fast durchgängig gute Sommerwetter, das Baden im See, die Abenteuer während des Hajks und des Großen Spiels, die Singerunden in der Großjurte, aber auch an den gemeinsam gut überstandenen Sturm und die Bewahrung, die wir das ganze Lager über erleben durften. Wie gut, dass das nächste gemeinsame Lager schon in Sichtweite ist, denn so war für die meisten klar: 2014 beim ReLa sehen wir uns wieder!

tiri