Walking the Wicklow Way - Unterwegs durch den „Garten Irlands"

Schritt für Schritt geht es vorwärts. Die Sonne strahlt vom Himmel, ein kalter Wind pfeift uns um die Ohren. Vor uns schlängelt sich der Pfad über den Bergrücken. Um uns herum blüht das Heidekraut. Außer uns ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, aber irgendwo in der Ferne blökt ein Schaf.
Wir sind unterwegs im „Garten Irlands", in den Wicklow Mountains, die wir von Nord nach Süd auf dem Wicklow Way durchwandern. Alles, was wir dafür brauchen,  tragen wir auf dem Rücken mit uns: Unsere Zeltplane, Schlafsack und Isomatte, Essen für die nächsten Tage und natürlich unsere Regensachen, die auf dieser Tour allerdings nie zum Einsatz kommen werden, denn das irische Wetter zeigt sich überraschender Weise von seiner trockenen Seite. Das stört uns natürlich keineswegs; ohne Regen lässt sich die wunderschöne Landschaft der Wicklows natürlich viel besser genießen.
Gestartet sind wir am südlichen Stadtrand Dublins im Marlay Park am Abend des 4. September. Unsere erste Etappe ist der Tageszeit entsprechend kurz, was uns allerdings nicht daran hindert, schon beim ersten Auffüllen der Wasserflaschen die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Iren kennen zu lernen. Die Nacht verbringen wir direkt neben einem Golfplatz, doch schon früh am nächsten Morgen werden wir von übereifrigen Golfern und Gräben ziehenden Traktoren geweckt. Allzu lange bleiben wir deshalb nicht an unserem Lagerplatz, sondern machen uns nach dem Frühstück auf den Weg in die Berge.
Wir schlagen ein gemütliches Tempo an. Der erste Bergrücken liegt bald hinter uns und vor uns zieht sich eine einsame Straße an mit Brombeeren bewachsenen Steinmauern vorbei, die Tobi immer wieder zum Naschen verleiten und uns damit beinahe in den Wahnsinn treiben (später sollen auch wir noch die wunderbar süßen irischen Brombeeren zu schätzen lernen). Tobis Trödelei beschert uns allerdings eine Wandergefährtin, eine Potsdamer Physikstudentin die den Wicklow Way alleine entlang wandert und in den Hostels am Wegesrand übernachtet. Vermutlich ist es ihrem Tempo zu verdanken, dass wir noch an diesem Abend den Crone Park erreichen.
Von unserem romantischen Schlafplatz am Glencree River werden wir durch eine Armada von Mücken vertrieben und so müssen unsere Nacht stattdessen auf einem vermüllten Schotterplatz im Wald verbringen, aber nach dem anstrengenden Tagesmarsch, der hinter uns liegt, stört uns das wenig. Am nächsten Morgen geht es ja ohnehin schon weiter: Wir nehmen die vielleicht härteste Etappe in Angriff. Diese führt uns durch einsames, aber wunderschönes Hochmoor über den Djouce Mountain in das kleine Dorf Oldbridge am Loch Dan. Hier gibt es verblüffender Weise einen Pfadfinderzeltplatz direkt am See, auf dem wir als einzige Gäste die Nacht verbringen. Für die furchtbare Mückenplage am Abend und Morgen entschädigen uns die heißen Duschen zwar einigermaßen, aber wir verstehen gut, warum die irischen Pfadfinder diesen Platz lediglich im Herbst, Winter und Frühling nutzen.
Die vierte Tagesetappe fällt aufgrund von Tobis Knieschmerzen etwas kürzer aus - wir laufen nur etwa 10 km bis Laragh, wo wir erstmal unsere Vorräte erneuern, Postkarten schreiben und den ganzen Nachmittag lang das einzige Geschäft im Ort belagern. Wild campen ist im Naturschutzgebiet rund um Laragh und Glendalough - anders als auf den anderen Teilabschnitten des Wicklow Ways - nicht erlaubt, so dass wir unsere Zeltplane kurzerhand hinter dem Tor auf dem örtlichen Sportplatz aufschlagen, was keinen der Anwohner weiter zu stören scheint.
Am nächsten Morgen sind wir gut ausgeruht und bereit für eine weitere Bergetappe. Wir entfliehen den Touristenscharen im Tal von Glendalough und erklimmen über Bohlenwege die Flanke des Lugduff. Von hier oben haben wir eine einzigartige Aussicht auf das Tal mit seinen beiden Seen und die Klosterruinen mit ihrem markanten Rundturm. Scheinbar ewig zieht sich der Weg den Berg hinauf, doch irgendwie gelingt es uns, den höchsten Punkt zu erreichen und wir gönnen uns erstmal ein wohlverdientes Mittagessen, das lediglich durch den leichten Benzingeschmack des Brotes getrübt wird (nein, die Iren backen ihr Brot nicht in Tankstellen, aber wenn die Benzinflasche des Kochers nicht richtig geschlossen ist, hat das Auswirkungen auf die Lebensmittel daneben...).
Nach dem Abstieg, der uns wie so häufig über Forstwege durch den Wald führt, erreichen wir das Örtchen Drumgoff, das lediglich aus einem einzigen Pub zu bestehen scheint. Zusammen mit einigen Familien, die das Wochenende hier verbringen, schlagen wir unsere Plane auf einer Wiese im Tal von Glenmalure auf und lernen eine weitere deutsche Studentin kennen, die alleine auf dem Wicklow Way unterwegs ist - allerdings von Süd nach Nord. So treffen wir uns an diesem Abend zu fünft in der Glenmalure Lodge und erholen uns von den Strapazen des Tages, während die Iren um uns herum grölend das Fußballspiel Irland - Slowakei verfolgen.
Als der Morgen kommt, heißt es für uns Abschied nehmen vom Wicklow Way: Auf kleine Hügel, Forstwege und dichten Wald haben wir wenig Lust und so schlagen wir frei nach dem Motto „Make your own Wicklow Way" einen schmalen Bergpfad ein, der uns auf den windigen Rücken des Croaghanmoira Mountain führt. Hier oben genießen wir ein letztes Mal die Einsamkeit der Heidelandschaft, bevor wir teilweise querfeldein ein wildes Bachbett entlang den endgültigen Abstieg ins Tal beginnen. Immer den Brombeeren am Straßenrand folgend erreichen wir den vermeintlichen Zielpunkt unserer Wanderung: Das Städtchen Aughrim, mehrfacher Gewinner des „Tidiest Town of the Year Award".
Entsprechend sieht es hier auch aus. Der penibel gepflegte Ort lädt uns Wanderer nicht gerade zum wilden Zelten ein. Auch zur Weiterfahrt nach Dublin eignet sich die Kleinstadt, anders als erwartet, nicht, denn von hier gibt es keine Busverbindung in die irische Hauptstadt und auch nicht in die Küstenstadt Arklow, die durch eine Buslinie mit Dublin verbunden ist. Ziemlich erschöpft setzen wir also unsere Wanderung in Richtung des 15 km entfernten Arklow fort, da unsere Versuche zu trampen zunächst allesamt scheitern. Erst nach etwa drei Kilometern gabelt uns eine junge Irin auf und wir quetschen uns samt Gepäck in ihren Kleinwagen.
Kurz vor Arklow lässt sie uns am Straßenrand aussteigen. Wir sehen uns im Dämmerlicht verzweifelt nach einem Schlafplatz um, den wir erst nach langer Suche in einem kleinen Wäldchen unter einem merkwürdigen Baum finden. Nach einer Portion des auf dieser Fahrt entwickelten Gerichts „Pfeffoffelbrei" kriechen wir müde in unsere Schlafsäcke und träumen von den weichen Betten des Hostels, die uns am nächsten Tag erwarten werden. Um diese zu erreichen, steigen wir am nächsten Tag in den Bus nach Dublin und betreten schließlich unsere Bleibe für die letzte Nacht in Irland, das zentral gelegene, gemütliche Hostel „Paddy's Palace".
Wir duschen ausgiebig, machen uns über unser Mittagessen her und beginnen dann eine ziemlich planlose Erkundungstour durch die Stadt, die mit einer abendlichen Pizza und einem Streifzug durch die berühmte Temple Bar endet. Am nächsten Morgen setzen wir unsere Tour durch Dublin fort, klappern einige Sehenswürdigkeiten und Outdoorläden ab, decken uns mit Andenken ein (unter anderem einem Neuseeland-T-Shirt) und machen uns schließlich auf den Weg zum Flughafen.
Unserer Irland-Fahrt neigt sich dem Ende zu. Hinter uns liegen etwa 90 km Wanderung quer durch die Wicklow Mountains, zahlreiche Begegnungen, tonnenweise leckere Brombeeren, wunderschöne Aussichten, irischer Sonnenbrand und der Beweis, dass es möglich ist, Irland auch ohne Regen zu erleben.  

tiri