Im Frühtau zu Berge - Bella Italia 2005


Es ist März. Es ist kalt. Es schneit. Vermutlich sind wir - acht Mitglieder der Sippe Eichhörnchen - nicht die einzigen, die vom Sommer träumen. Von atemberaubender Landschaft, viel freier Zeit, klaren Seen und viel Sonne.
Etwa fünf Monate später ist es soweit: Es ist Mitte August, es ist immer noch nicht besonders warm und es regnet. Aber nicht mehr lange. Jedenfalls nicht für uns, denn wir befinden uns auf dem Weg zum Flughafen Hahn, von wo aus wir in Kürze für acht Tage in Richtung Bergamo abheben werden.
Es ist warm. Endlich. Aber die Sonne scheint nicht. Kein Wunder, es ist ja schließlich Nacht. Nach nur einer Stunde Flug sind wir an unserem Ziel angelangt: Dem Flughafen Orio al Serio nahe Bergamo. Trotz der angenehmen Temperaturen fehlt uns eins: Ein Schlafplatz. Getreu dem Motto „Wir zelten schwarz" wollen wir uns in die „Wildnis" schlagen, doch das erweist sich als höchst schwierig. Auf der rechten Seite der Flughafen, links eine Straße und eine Autobahn - uns bleibt nichts anderes übrig, als müde und ohne viel zu sehen die Straße entlang Richtung Bergamo zu wandern. Wider Erwarten stoßen wir nach etwa einer Stunde Weg auf einen perfekten Schlafplatz: Eine noch nicht eröffnete Straßenunterführung, in der wir völlig ungestört, vom Donnern der Autos über uns einmal abgesehen, unsere erste italienische Nacht verbringen.
Ein paar Stunden Schlaf und einen Topf voll Haferschleim später befinden wir uns schon auf dem Weg nach Bergamo, wo wir nach dem Tanken (nein, wir hatten kein Auto dabei, aber unser Kocher brauchte Benzin) und ersten Erfahrungen mit den nicht vorhandenen Englisch-Kenntnissen der Einheimischen tatsächlich irgendwie im Bus nach Costa di Serina landen. Bereits während der Fahrt sammeln wir erste Eindrücke von der wunderschönen Landschaft der italienischen Voralpen sowie - bei einem Zwischenstopp in Zogno - vom köstlichen italienischen Eis.
Als der Bus die letzten Serpentinen nach Costa di Serina hochkeucht, sind wir die letzten Fahrgäste und langsam wird uns klar, dass wir dasEnde der Zivilisation erreicht haben. Ein letztes Mal stärken wir uns vor der Wanderung zu unserem Tagesziel - dem Bivacco Testa, einer Schutzhütte in 1492 Meter Höhe an der Flanke des Monte Alben. Wir wissen noch nicht, dass uns der härteste Tag unserer gesamten Reise bevorsteht, und so beginnen wir in aller Unschuld und voller Euphorie den Anstieg. Der führt uns und unsere mindestens 15 Kilo schweren Rucksäcke zunächst auf den 1500 Meter hohen Gipfel des Monte Succhello und lässt einige schon bald bereuen, mitgekommen zu sein. Doch das ändert sich schlagartig, als wir das riesige Gipfelkreuz erreichen und endlich die großartige Aussicht auf die umliegenden Täler, Dörfchen und den Monte Alben genießen können.
Trotz aller Freude - der zermürbendste Abschnitt liegt noch vor uns. Der Weg zur Hütte erweist sich als ein ständiges Auf und Ab, teilweise führt er mitten durch den Busch und so ist die Erleichterung groß, als wir in der Ferne endlich eine Hütte ausmachen können, schließlich ist es schon acht Uhr und die Sonne neigt sich gen Horizont. Äußerst enttäuscht müssen wir aber feststellen, dass wir noch immer 45 Minuten von unserem Ziel entfernt sind und sich der Weg dorthin steil bergauf schlängelt. Wir müssen die letzten Kräfte mobilisieren, streckenweise tragen unsere Jungs zwei Rucksäcke gleichzeitig (an dieser Stelle noch einmal vielen Dank!!) und erst mit den letzten Sonnenstrahlen erklimmt auch der Letzte den finalen Anstieg zu „unserer" Hütte - überglücklich, aber völlig erschöpft und hungrig wie eine Meute Bären nach dem Winterschlaf. Ein Abendessen muss her! Dass das aus einer ziemlich matschigen Masse besteht (Nudel-Tomaten-Pampe - dieses Gericht sollte uns in den folgenden Tagen noch öfters sättigen), stört keinen mehr.
Wir schlafen lange. Im Tageslicht stellen wir fest, dass wir es wirklich gut getroffen haben - die Hütte bietet alles, was das Herz begehrt: zwei Stockbetten, einen Esstisch, einen Freiluftherd, eine kleine Sonnenterrasse und sogar einen Wasserhahn, leider kein Trinkwasser, der offenbar aus einer Zisterne gespeist wird. Nach den vergangenen Strapazen machen sich nur drei von uns auf den Weg zum Gipfel des Monte Alben (2019 m); der Rest hat fürs erste genug von steilen Aufstiegen und verbringt den Tag an der Hütte beziehungsweise damit, aus einem tiefer gelegenen Bach Wasser zu holen. Endlich Erholung!
Beim gemeinsamen Abendessen haben auch die Gipfelstürmer einen vergleichsweise erholsamen Tag hinter sich: Ohne Gepäck ließ sich der Gipfel locker in zwei Stunden erklimmen.
Unsere Vorräte gehen zur Neige, und außerdem ruft der See. So verlassen wir am nächsten Morgen unsere heimelige Hütte und machen uns auf den Weg nach Vertova, einem kleinen Dörfchen am Fuße des Berges. Nach einem ausgiebigen Besuch des dortigen Supermarktes entschließen wir uns, weiter in Richtung See - übrigens der Lago di Endine - zu trampen. Mit acht Leuten und Gepäck ist das keine einfache Angelegenheit, doch bis Cene geht alles gut - dann aber trennen wir uns erneut, um nach Valle Rossa zu gelangen ... allerdings stellen wir, als die meisten schon dorthin unterwegs sind, fest, dass es gar keinen Ort mit diesem Namen gibt; Valle Rossa ist ein Tal - das erklärt auch die merkwürdigen Reaktionen der angehaltenen Autofahrer. Dank zweier freundlicher Italiener schaffen wir es dennoch alle bis Bianzano am Ende des Tals. Nur eine fehlt: Jessi! Tja, so ist das. Seitdem haben wir sie nicht mehr gesehen. Aber wir hoffen, dass es ihr gut geht. Nee, Scherz beiseite. Sie taucht irgendwann auch wieder auf, gesund und munter, nur ein bisschen verwirrt. Gemeinsam suchen wir einen Schlafplatz, den wir schließlich in der hintersten Ecke eines Parks finden - und dann ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendessen.
Begleitet von Glockengeläut brechen wir gegen Mittag des nächsten Tages zu den Ufern des Sees auf. Unser Weg führt am Ufer entlang zum idyllischen Örtchen Monasterolo del Castello, das uns für die nächsten Tage beherbergen wird. Nach ausgiebigem Baden schlagen wir unser „Zelt" etwas außerhalb des Ortes neben einem Schrebergarten in Ufernähe auf, wo wir die Bekanntschaft des armen, in einer erbärmlichen Hütte hausenden, uns aber freundlich gesinnten Hundes Schorschi machen, der bald unser treuester Freund wird und heute wohl noch immer auf unsere Rückkehr wartet.
Es folgen faule Tage. Abgesehen von Einkaufen, Schlafen, Eisessen, Baden, Schlafen, Kochen und Schlafen tun wir eigentlich nichts. Na ja, fast nichts - immerhin gelingt es uns, ein neues Frühstücksgericht zu kreieren: Reispampe mit Zucker und frischem Obst löst schon bald den ewigen Haferschleim ab.
Erst der Sonntag bringt Abwechslung in unser Faulenzerdasein. Wie jedes Jahr findet in  Monasterolo ein großes Fest statt, dessen Anlass wir leider nicht ergründen können (der Verdacht, es werde uns zu Ehren veranstaltet, lässt sich nicht bestätigen). Doch das hält uns nicht davon ab, uns unter das Volk zu mischen, das sich durch die engen Gassen drängt. Mehrere Bühnen sind aufgebaut worden, ein Markt mit regionalen Produkten belebt den Ort - und sogar Hubschrauberrundeflüge werden angeboten. Nur das Wetter spielt nicht mit; heftige Regengüsse und Windböen bringen nicht nur den Ablauf des Festes durcheinander, sondern reißen auch beinahe unsere Zeltbahn mit sich und bescheren uns nasse Füße. Doch als wäre nichts gewesen, endet der Tag mit strahlendem Sonnenschein, und das nächtliche Feuerwerk kann bei sternenklarem Himmel stattfinden.
Und am nächsten Morgen können wir sämtliche nassen Kleidungsstücke noch vor unserem Aufbruch in Richtung Bergamo in der warmen Sonne trocknen. Ein letztes Bad im See ... und wir sind wieder unterwegs, zunächst nach Casazza, wo wir sämtliche Pläne über den Haufen werfen müssen, als wir feststellen, dass Feiertag ist und dass alle Geschäfte geschlossen haben. Alle? Nein, eine kleine Eisdiele nahe der Bushaltestelle leistet erbitterten Widerstand und beschert uns unser „Mittagessen", das ausschließlich aus Eis besteht, uns aber nichtsdestotrotz sehr gut schmeckt. So gestärkt fahren wir mit dem Bus nach Bergamo. Dort lassen wir uns nach einer Erkundung der historischen Altstadt in einer Pizzeria nieder, deren Preise unser Urlaubsglück ein wenig schmälern.
Unsere letzte Nacht in Italien verbringen wir erneut unter „unserer" Brücke. Vor unserem Abflug haben wir noch einige Stunden Zeit, die wir in einem kleinen Park totschlagen, wobei jeweils ein Teil der Gruppe Proviant für den Flug einkauft; später gibt unser Kocher seinen Geist völlig auf und verweigert uns die letzte vernünftige Nudel-Tomaten-Pampe. Stattdessen müssen wir mit aufgeweichten und halbgaren Nudeln, garniert mit kalter Tomatensoße, im Magen den Marsch zum Flughafen in Angriff nehmen - der uns weniger Zeit kostet, als wir dafür veranschlagt hatten, weshalb wir zu den ersten gehören, die einchecken.
Noch ein letztes italienisches Eis, dann begeben wir uns in die Wartehalle. Doch gerade, als unser Gate öffnet, stellt Jessi fest, dass ihr Handy auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Bevor wir allerdings noch darüber diskutieren können, ob sich die Suche danach lohnt, sind sie und Tobi schon auf und davon, und während die beiden Polizei und Flughafenfundbüro abklappern, sitzen wir im Flugzeug und machen uns berechtigte Sorgen. Schließlich rückt der Start immer näher. Glücklicherweise tauchen sie aber in letzter Sekunde auf, zwar ohne Handy, aber immerhin im richtigen Flugzeug.
Es ist kalt. Zu kalt für kurze Hosen und T-Shirts. Es ist dunkel. Es wird langsam Zeit, den nächsten Urlaub zu planen ...      


P.S: Das Handy tauchte übrigens zu Hause wieder auf, und zwar in Jessis Kulturtasche.

tiri