Was uns lässt fahren


Nibelungen-Hajk 2009

"Was uns lässt fahren wird nicht jeder fühlen,
kann nur verstehn, wer mit uns einmal zog.
Wer seine Stirn mag an Quellwasser kühlen,
könnte geraten in unseren Sog."


Warum sollten wir schon in unsere Schlafsäcke kriechen, wenn die Nacht mild ist und nach Frühling riecht? Wenn der Mond hell am Himmel steht und vor uns ein kleines Feuer brennt. Wenn wir hier gemütlich beisammen sitzen und die Gemeinschaft genießen können. Wenn wir endlich wieder am eigenen Leib spüren können, was wir in unseren Liedern singen: Was es heißt, auf Fahrt zu sein.

Denn wir sind wieder unterwegs. Endlich. Der Winter liegt hinter uns, der Frühling ist da. Die Wanderstiefel sind geschnürt, die Rucksäcke geschultert. Überall blüht und grünt es und die Sonne strahlt warm vom Himmel wie schon seit Monaten nicht mehr, als wir – 13 Pfadfinder der Sippen Füchse, Wildschweinchen und Schwarze Mambas sowie Gast-Hajker Tobi – in Zwingenberg an der Bergstraße aus dem Zug steigen und den Nibelungensteig in Angriff nehmen. Dass "Steig" für diesen Wanderweg durch den Odenwald mit seinem ständigen Auf und Ab die richtige Bezeichnung ist, merken wir schon, als wir den Ortsrand von Zwingenberg erreichen und es gleich steil hinauf geht. Durch Weinberge und Laubwald hindurch erklimmen wir, unter der Last unserer Rucksäcke ächzend, den Melibocus und befinden uns schon bald hoch über der Ebene der Bergstraße.
Bis wir dann tatsächlich den Gipfel überschritten haben und auch die letzten ausgiebig die Aussicht genossen haben, vergeht allerdings einige Zeit, so dass wir beschließen, uns einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen. Fernab von anderen Wanderern, Mountainbikern und Jagdpächtern findet Tobi schließlich eine Art Lichtung im Wald, die er "Auenland" nennt, auch wenn weit und breit kein Wasser zu sehen ist. Das ist uns aber egal, denn zum Aufschlagen unserer Zelte und zum Feuer machen ist der Platz bestens geeignet und so kochen schon bald die Nudeln im Hordentopf.

"Nur wer mit uns viele Nächte verbrachte,
an unsern Feuern, in unserem Kreis.
Wer da erzählte, mitsang und mitlachte,
von unserm Fühlen vielleicht etwas weiß."

Nach dem Essen, der Lesung des "Hajk-Psalms" 121 und einer Gebetsrunde für das Hajk beginnt dann die gemütliche a-capella-Singerunde, von der bereits die Rede war. Und während unsere Lieder und Marios Mundharmonikaklänge den Wald erfüllen, freuen wir uns einfach nur, endlich wieder auf Fahrt zu sein.
Was es heißt, sich an Quellwasser zu kühlen, können wir am nächsten Morgen schon bald nach dem Haferschleimfrühstück und dem Verlassen des "Auenlandes" erfahren, als wir die "Drei Brunnen" erreichen und unsere Trinkwasservorräte auffüllen. Während Tobi zusätzlich ausprobiert, ob sich das Wasser auch zum Waschen seiner Kleidung eignet, steigen die anderen dem Nibelungensteig folgend ins Tal hinab. Kaum liegt der Abstieg hinter uns, geht es natürlich schon wieder bergauf. Über den Felsberg, auf dem wir eine kleine Müsliriegelpause einlegen, geht es weiter zum Felsenmeer. Dort müssen wir leider feststellen, dass wir mit unseren schweren Rucksäcken nicht wirklich gut über die Felsbrocken klettern können, und so nehmen die meisten mit dem Wanderweg Vorlieb und verlassen nach einer kurzen Rast an der Siegfriedsquelle den Ort, an dem es von Besuchern nur so wimmelt.
Hinter Reichenbach wird der Weg wieder etwas einsamer und wir finden eine gute Stelle für unsere Mittagspause. Gestärkt mit Käse- und Salamibroten sowie Rosinen, Mandeln und – wichtig! – Schokolade, nehmen wir den Hohenstein in Angriff und folgen dem Auf und Ab des Nibelungensteigs bis zur Mathildenruhe, wo die einen sich einer weiteren Schokoladenpause widmen, während die anderen mit dem Suchen und Entfernen von Zecken beschäftigt sind, die sich scheinbar genauso über den Beginn des Frühlings freuen wie wir.
Da die meisten von uns von der anstrengenden Wanderung ziemlich geschafft sind (daran kann alle Fahrten-Freude nichts ändern), schicken wir wieder Kundschafter los, die diesmal ein echtes "Auenland" als Lagerplatz finden. Mitten im Wald liegt eine riesige Lichtung, an deren Rand ein Bach entlang plätschert. Wieder machen wir uns an die Arbeit, bauen die Zelte auf, machen Feuer und kochen das wohlverdiente Abendessen: Reis mit Curry-Soße für den größten Teil der Runde. Wegen plötzlich auftretender Soßenknappheit müssen ausgerechnet unsere Köche mit einer Improvisations-Soße vorlieb nehmen (eine genauere Schilderung von Zutaten und Geschmack könnt ihr bei Ferdi erhalten).

"Unsre Gefährten sind Freunde fürs Leben,
Unrast erfüllt uns, wenn Winter vergeht.
In uns erwacht dann ein Sehnen und Streben.
Wer weiß wohin uns der Wind diesmal trägt."


Nach dem Essen bleiben wir wieder am Feuer sitzen, während es ums uns her Nacht wird. In einer Woche ist Ostern und so feiern wir an diesem Abend gemeinsam das Abendmahl am Lagerfeuer. Der andächtigen Stille folgt eine weitere Singerunde, auch wenn es heute einige schon etwas früher in die Schlafsäcke treibt.
Der nächste Tag ist gleichzeitig unser letzter Fahrtentag und so verlassen wir schon kurz nach dem Aufbruch aus dem "Auenland 2" den Nibelungenstieg und wandern, immer einem Bach folgend, nach Fürth im Odenwald. Von dort aus treten wir unsere Heimreise an; nicht ohne ein ausgiebiges Mittagessen und das traditionelle "Nehmt Abschied, Brüder" in der Bahn. Hinter uns liegen drei ziemlich anstrengende, aber vor allem sehr schöne Tage: Die ersten Fahrtentage im neuen Jahr.
Es werden sicherlich nicht die letzten sein.

"Es liegt uns im Blut und treibt uns davon,
immer wieder davon, immer wieder davon."


tiri


PS: Wer mitsingen möchte: "Was uns lässt fahren", Bepeli S. 254