100 km durch die schottischen Highlands


Ein Bericht der etwas anderen Art

Komischer Reporter (KR): Sie waren also eine Woche lang mit neun anderen Gumpen* in den schottischen Highlands wandern. Haben Sie die Entscheidung bereut?

Gumpe (G): Na ja, also, es gab da einen Punkt, an dem dachten wir, was ein Murkes. Ich weiß es noch genau. Es war der Sonntag nach dem Samstag, Sie wissen schon, der erste Wandertag, und wir saßen unter einer unserer grünen Planen, die Tobi kunstvoll über den Weg gespannt hatte. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen bekloppt, aber Zelte hatten wir ja gar nicht dabei – für zehn Leute kann man viel komfortabler zwei von diesen Planen mitnehmen. Jedenfalls saßen wir da so auf dem Weg, nach gerade mal einer knappen Stunde Wanderung, waren nassgeregnet und schon da von den Mücken genervt, und haben uns (jeder für sich und insgeheim natürlich, um die Gruppenmoral nicht zu zerstören) gefragt, wieso zum Henker wir die Idee gehabt hatten, ausgerechnet den West Highland Way entlang zu wandern. Man hätte ja auch nach Kreta fahren können. Oder ein paar Runden um den Pferdskopf in Hunsel herumlaufen. Und wäre es nicht so kompliziert gewesen, dorthin zu kommen - hätten wir nicht schon einen echt rumpeligen Flug mit RyanAir, eine Nacht in einem Hostel (pardon, Hotel!, und die Teppiche waren echt auch krass weich) in Edinburgh und diverse chaotische Busfahrten hinter uns gehabt - hätten wir uns vielleicht einfach vom Acker gemacht. Joa, das war aber auch so der Tiefpunkt. Danach ging es dann bei Sonnenschein weiter und obwohl wir später am Nachmittag dann noch mal zwei Stunden bei Starkregen an der Glengoyne Distillery rumgammeln mussten – falls Sie da mal hinkommen, die Damentoiletten sind ziemlich nett, da saßen wir nämlich alle irgendwann drin rum - ... und der Whiskey, ich sag Ihnen... jedenfalls ging's mit der Laune danach steil bergauf. Und abends hatten wir dann ja auch wirklich einen schönen Schlafplatz.

KR: Wo haben Sie denn übernachtet? Haben Sie Ihre Planen jeden Abend an einem anderen Ort aufgespannt?

G: Ja schon, zumindest theoretisch. Am ersten Abend haben wir in diesem Stall geschlafen, der plötzlich am Wegesrand auftauchte. Da gab's Heu ohne Ende und wir hatten eine trockene Nacht. Und in der zweiten Nacht ... da werde ich immer noch wütend, wenn ich dran denke [grummelt kurz etwas, das wie "fucking rangers" klingt]. Sehen Sie, wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und sogar auf diesen Berg raufgekraxelt... Conic Hill hieß der, und oben liefen auch noch so Wuppertaler rum. Von dort waren wir zum Loch Lomond abgestiegen und nachdem wir uns da am Strand ein bisschen ausgeruht hatten, wollten wir uns – außerhalb des Naturschutzgebietes natürlich, Sie wissen ja, wir sind Pfadfinder und verantwortungsbewusst und so Sachen – ein Plätzchen für unsere Planen suchen. Aber dann liefen wir diesen Rangern in die Arme, die uns empörend viel Geld abgeknöpft und uns zu ihrem dämlichen Zeltplatz geschickt haben, der aus eigentlich nichts als einem Toilettenwagen bestand. Da war der Traum vom Duschen dann ausgeträumt, und fließend Wasser gab's auch nirgends. Wenn ich diese Ranger noch mal treffe... Pappnasen waren das.

KR: Würden Sie sagen, dass das der schlimmste Schlafplatz war?

G [runzelt die Stirn]: Also, ich weiß ja nicht, was Sie schon so für Erfahrungen gemacht haben. Die Mückenplage an dem Abend war schon heftig-

KR: Mückenplage?

G: - Ganz richtig. Midges. Die Luft war schon so ein bisschen grau von den Mistviechern, und wir haben den ganzen Abend unsere Mückennetze getragen. Das war übrigens auch der Ort, wo Tobi heldenhaft den brennenen Kocher in den See geworfen ... aber ich schweife ab, wir waren ja bei den Schlafplätzen. Also, am Abend danach waren wir immer noch am See und hatten uns so ein romantisches Plätzlein mit Bäumchen und Felschen ausgesucht, Sie können sich das sicher vorstellen. Aber kaum hatten wir angefangen, unsere Plane zu befestigen, kam eine Mückenhorde des Wegs... und wenn ich Mückenhorde sage, dann meine ich nicht so drei, vier niedliche Mückchen, sondern schon so eine ganze Armee. Die von Farn eingefasste Lichtung auf dem Berg, auf den wir uns in panischer Flucht geschleppt hatten, war keinen Deut besser, ganz im Gegenteil. Sie hätten uns mal beim Essen sehen sollen, zehn verrückt gewordene Gumpen, die wie irr umhergerannt sind. Ging gar nicht. Um halb elf haben wir uns dann mit Sack und Pack wieder auf den Weg zu dem Hotel gemacht, an dem wir spätnachmittags schon gerastet hatten, und da schließlich auf dem Fähranleger übernachtet.

KR: Sie haben auf einem Fähranleger geschlafen?

G: Ganz genau, auf so einem hässlichen Metallgitter. Sie hätten die Gesichter der Rentner sehen sollen, die am nächsten Morgen aus dem Hotel spaziert kamen, um die Aussicht zu genießen. Allerdings waren die Leute im Hotel total nett, die haben uns sogar ihren Aufenthaltsraum nutzen lassen. Da haben wir dann erst mal friedlich unser Porridge gelöffelt. Das war, bevor uns davon speiübel wurde... "Ich kann das nur im Stehen essen, sonst kotze ich", so hat Mario das irgendwann ausgedrückt. Ach so, aber mit den Schlafplätzen – da muss ich doch jetzt noch einen Takt zu sagen.

KR: Bitte sehr.

G: Dieser Fähranleger befand sich in Inversnaid, und von dort sind wir am Loch Lomond weiter nach Norden gewandert, bis Inverarnan. Weil wir so wenig Zeit hatten, aber unbedingt das Ende des West Highland Ways erreichen wollten, sind wir von dort mit dem Bus zunächst bis Tyndrum gefahren und haben da unsere Vorräte aufgestockt. (Sie wissen schon... noch mehr Porridge, noch mehr Nudeln, noch mehr Tomatensoße. Typische Gumpennahrung eben.) Von Tyndrum aus wollten wir dann zum King's House Hotel weiterfahren. Nur konnten wir kein Geld abheben, weil die da so bekloppte Geldautomaten hatten. Glücklichicherweise sind wir auf eine sehr nette Busfahrerin getroffen, die uns für ein Zehntel des Preises mitgenommen hat. Die Dame möchte ich an dieser Stelle auch gern kurz grüßen. Liebe Frau Busfahrerin, Sie haben uns –

KR [unterbricht]: Ich muss Sie bitten, beim Thema zu bleiben.

G: Wie Sie wollen. Am King's House Hotel haben wir auf so einem wilden Campingplatz geschlafen, genauer gesagt: Auf einem kleinen Inselchen im Fluss. Feine Sache das. Da haben wir abends schön Feuer gemacht und zusammen gesungen, Mario hat nämlich die ganze Zeit die Gitarre mitgeschleppt. Dass irgendwas mit seinem G7 falsch war, konnten wir ja da noch nicht ahnen, das hat Peter ihm erst irgendwann ganz feinfühlig ... jedenfalls war das ein wunderschöner Ort zum übernachten, rings umher haben uns die Highlands – und die anderen Wildcamper – angelacht und der Fluss plätscherte links und rechts an uns vorbei.

KR: Bei der nächsten Etappe des West Highland Ways wird ein Pass mit dem wenig einladenden Namen The Devil's Staircase überschritten. Die meisten Wanderer fürchten diesen Abschnitt.

G: Ja, wir hatten auch ganz schön Respekt, kann ich Ihnen sagen. Aber irgendwie war es dann gar nicht so schlimm. Also, es war schon anstrengend und alles, nur hatten wir echt größere Schrecken erwartet. Oben haben wir dann noch die Gipfel links und rechts erkundet, weil wir noch Energie hatten. Ich persönlich vermute ja, dass es am Porridge lag, da ist echt Energie ohne Ende drin... soll ich Ihnen das mal gerade zeigen?

KR: Danke, ich verzichte.

G: Wo Sie das so sagen, eigentlich will ich jetzt auch kein Porridge. Ähm... Devil's Staircase. Da oben hatten wir noch eine nette Begegnung. Oder eher eine Sichtung. Und zwar saßen wir alle entspannt am höchsten Punkt des Passes im Gras, haben unseren Cheddar und das Brot runtergewürgt... diese merkwürdigen Briten verkaufen allen Ernstes diesen labbrigen, pappigen Toast als Brot, wissen Sie... Hören Sie, bevor Sie das veröffentlichen, streichen Sie aber alles politisch Inkorrekte raus, ja? Jedenfalls saßen wir und aßen, als eine relativ beleibte Dame plötzlich den Pass hinauf spaziert kam, in aller Seelenruhe, so, als wäre sie auf der Suche nach einem Supermarkt. Und dabei hatte sie nichts als eine winzig kleine Papiertüte. Wir fragen uns bis heute, was sie da oben gesucht hat. Wir haben sie nicht mehr gesehen, obwohl wir dann auch dem Pfad abwärts in Richtung Kinglochleven gefolgt sind. Dort haben wir uns wieder den Luxus einer Übernachtung auf einem richtigen Campingplatz geg?nnt, auf einem gemütlichen kleinen Platz am Loch Leven. Superbe Duschen, kann ich Ihnen sagen. Den größten Teil des Abends haben wir allerdings in der kleinen Spülhütte verbracht, weil die Mückenplage auch in Kinglochleven absurd furchtbar ist. Ich glaube, an dem Abend habe ich zum ersten Mal gebrüllt, dass ich sterben will... das würden Sie auch tun, wenn Sie von Midges gemeuchelt würden.

KR: Hatten Sie denn in Ihren letzten beiden Nächten noch Ruhe vor den Mücken?

G: Die letzten Nächte waren in der Tat mückenfrei, unglaublich. Wir hätten aber auch keine vermückte Nacht mehr ertragen. Wenn man die Augen schließt und trotzdem noch die Mücken kreisen sieht, rückt die Verbundenheit mit der Natur schon ein bisschen in den Hintergrund. Wie auch immer, an unserem letzten Wandertag haben wir eine der schönsten Streckenabschnitte zurück gelegt, und zwar sind wir nach einem relativ steilen und schweißtreibenden Aufstieg ein wunderschönes Tal entlang gewandert, immer auf den Ben Nevis zu. Der Ben Nevis ist Ihnen ein Begriff?

KR: Selbstverständlich, der höchste Berg Großbritanniens.

G: Das will ich auch meinen. Also, immer auf den Ben Nevis zu, an zwei verfallenen alten Farmhäusern vorbei, ziemlich romantisch und einsam gelegen. Ach so, und da haben wir auch noch eine andere Wandergruppe überholt... nachdem Peter und Mario so landarztmäßig ein bisschen an denen rumoperiert hatten. Eine Zecke war das Problem, oder ein Splitter, oder vielleicht auch eine Kugel, ich weiß nicht recht. An dem Nachmittag sind wir dann bis Glen Nevis gewandert, wo wir eine weitere außerordentlich verblüffende Begegnung mit einem sehr netten Schotten hatten. Dieser ältere Gentleman hat uns angeboten, uns entweder Geld für eine Übernachtung im Hostel zu geben oder uns in einem Schuppen auf seinem Betriebsgelände schlafen zu lassen; dafür haben wir uns dann auch entschieden. Trotzdem hat er uns noch Geld geschenkt. Ein ganz lieber Kerl war das. Und der Schuppen war zwar jetzt nicht so sonderlich schön, aber zum Schlafen hat's allemal gelangt, besonders, weil es in der Nacht klirrend kalt wurde. Ist ja auch beinahe schon Nordkap da oben. Tja, und am nächsten Morgen sind wir dann das kurze Stück bis Fort William gelaufen und haben ein paar Poserfotos vor dem offiziellen Schilddingens gemacht, auf dem draufsteht, dass man den West Highland Way erfolgreich... hatten wir ja auch ein bisschen, 100 Kilometer sind wir immerhin gelaufen.

KR: Meinen herzlichen Glückwunsch dazu. Nun erzählen Sie doch bitte noch, wo Sie dann Ihre letzte Nacht verbracht haben. Ihre Planen haben Sie wohl nicht mehr gebraucht?

G: Nee, blöd eigentlich, vielleicht hätten wir die in Fort William noch verkaufen sollen... da liefen schon so ein paar Leute rum, die ziemlich arglos aussahen. Hauptsächlich waren aber Rentner unterwegs in diesem Städtchen. Wissen Sie, wir mussten ja noch ein Weilchen warten, bis wir den nächsten Bus nach Glasgow nehmen konnten. Da hatten wir nämlich noch eine Nacht in einem Hostel gebucht. Also saßen wir in Fort Willam im Park herum, den Minigolfern im Weg, und haben uns gesonnt. Abends wollten wir dann, nachdem wir uns geduscht hatten... die Duschen waren übrigens auch in diesem Hostel ziemlich gut. Ich würde Ihnen ja die Adresse geben, aber...

KR: Nein danke, ich bin eigentlich eher so der Bildungsurlaub-Typ. Konnten Sie denn die Nacht in Glasgow noch genießen?

G: Genießen, na ja. Stellen Sie sich mal vor, sie laufen ein paar Tage mit 15 Kilo auf dem Rücken durch die Berge und essen den ganzen Tag nichts als Porridge, Labberbrot mit Cheddar und Tomatennudelpampe. Da würden Sie sich doch bestimmt auch auf ein richtig solides Essen freuen, oder? Ja, ich seh Sie jetzt so fröhlich nicken, aber das war gar nicht so einfach. Und zwar waren wir in diesem Pub, quasi direkt neben unserem Hostel, haben uns ausgiebigst die Speisekarten durchgelesen und wollten dann an der Bar bestellen... da sagt das Mädel hinter dem Tresen doch zu uns, wir könnten leider nichts bestellen, wir hätten doch Minderjährige dabei und müssten bis 20:00 Uhr den Pub verlassen haben. Es war völlig egal, dass wir keineswegs geplant hatten, die vier mit Wodka abzufüllen, wir hatten da eigentlich eher Pommes und Steak im Sinne. Hätten wir uns vorher mal mit der britischen Gesetzgebung beschäftigt. Gut, wir also rausmarschiert und in Richtung Stadtmitte, die leider mehrere Kilometer entfernt lag. Als eine Meuterei kurz bevor stand, haben wir dann doch noch einen Schnellimbiss gefunden, in dem wir zusammen essen durften, Mario's Place hieß der. Die Kellnerin war eine ganz Lustige, die hat die ganze Zeit dieses Lied von Bruno Mars... "I just wanna lay in my bed"...

KR: Entschuldigen Sie, aber mit Popmusik kenne ich mich nun gar nicht aus. Wenn es sich um eine Oper von Verdi handeln würde...

G: Ich hab mir schon gedacht, dass Sie ein bisschen ab vom Schuss sind. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?

KR: Sie sind dann von Glasgow zurückgeflogen?

G: Nö, von Edinburgh. Wir sind in aller Frühe aufgestanden... das war auch noch so eine Sache, und zwar haben wir uns zum Frühstücken im Aufenthaltsraum getroffen und uns aus Bequemlichkeit den Toaster aus der Küche geholt. Das Dumme war nur, der Feueralarm ist angegangen, und die ganzen anderen Hostelbesucher kamen verwirrt die Treppe runter. Noch nicht mal sechs Uhr war es, Sonntagmorgen, und die sahen alle total verkatert aus... Das war uns echt peinlich.

KR: Das glaube ich Ihnen gerne. Nun... könnte ich denn vielleicht auch noch das ein oder andere Foto sehen, bevor wir hier Schluss machen?

G: Natürlich [zieht Fotos aus dem Rucksack]. Schauen Sie mal... hier ist zum Beispiel ein Foto von Peters Füßen. Das war krass, er meinte, wenn er seine Füße anschauen würde, müsste er kotzen. Die waren nämlich übelst aufgescheuert und blutig...

[KR fällt in Ohnmacht.]

G: Auch gut. Ich glaube nämlich nicht, dass der dumme Typ verstanden hätte, was für eine unfassbar geniale Tour wir hatten. Bildungsurlaub, tss...


tiri



* "Gumpe" ist eine in Teilen unseres Stammes weit verbreitete Bezeichnung für Tiere, Menschen, Pflanzen oder – allerdings seltener – für Dinge. Also für alles eigentlich. Die Bezeichnung ist in den meisten Fällen weder positiv noch negativ gemeint und daher als nicht wertend zu betrachten. In seiner ursprünglichen Form bezeichnet das Wort "Gumpe" ein nicht näher beschriebenes Bergtier, das den Watzmann bevölkert. Außerhalb unseres Stammes besitzt das Wort eine gänzlich andere Bedeutung, von der wir uns hiermit ausdrücklich distanzieren :-)