Sibirien 2004: Fahrten, Ferne, Abenteuer

Es war im Sommer 2003 als wir - Kerstin Schmidt, Tobias Rieck und Friederike Danneberg - das erste Mal von Thomas Grote hörten, einem Deutschen, der als Holzhändler nach Sibirien gegangen war und geholfen hatte, in Schelehov, einem 40.000-Einwohner Ort in der Nähe von Irkutsk, eine Pfadfinderarbeit aufzubauen. Mittlerweile war er Leiter der Gemeinde, zu der die Pfadfinderarbeit gehörte, und der Stamm „Schneeleopard" hatte schon mehrere Male Besuch von deutschen Pfadfindern erhalten.
Was wir über die Pfadfinderarbeit in Schelehov erfuhren, beigeisterte uns so, dass wir beschlossen, nach dem Abitur für einen Monat nach Sibirien zu reisen, die Pfadfinder dort zu besuchen und ihnen bei Lagern und anderen Aktionen zu helfen.
Am 27.7.2004 war es dann so weit: Wir bestiegen das Flugzeug nach Moskau. Das war der Beginn einer langen, abenteuerlichen und ereignisreichen Reise, auf der wir immer wieder erleben durften, dass Gott mit uns war und uns half, alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden. Als wir am Morgen des 29.7. in Irkutsk landeten, ahnten wir jedoch noch nichts davon. Hinter uns lag bereits ein 14-stündiger Aufenthalt Moskau, den wir trotz Müdigkeit und Regens dazu genutzt hatten, die russische Hauptstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Jetzt aber hatten wir Europa entgültig verlassen, wir waren in Sibirien, hatten unbekannten Boden betreten.
Die erste Woche unseres Aufenthaltes verbrachten wir gemeinsam mit russischen Pfadfindern in unserem Alter in Schelehov, was uns Gelegenheit bot, unsere Umgebung, aber auch die Pfadfinder, mit denen wir uns auf Anhieb gut verstanden, kennenzulernen. Auch hatten wir Zeit, die 7-stündige Zeitverschiebung zu verkraften und uns an das russische Essen zu gewöhnen: Buchweizen zum Beispiel hatten wir noch nie zuvor gegessen. Da es billiger ist, gab es meist drei warme Mahlzeiten am Tag, fast immer Suppe oder Brei, und dazu jedes Mal schwarzen Tee mit Unmengen von Zucker. Doch daran gewöhnten wir uns schnell und auch daran, sich mit Händen und Füßen sowie einzelnen russischen und deutschen Wörtern zu verständigen, denn von uns konnte keiner Russisch und von den Russen keiner anständig Deutsch oder Englisch.
Trotz dieser Tatsache funktionierte unser Miteinander aber erstaunlich gut und wir hatten uns schon gut eingelebt, als in der zweiten Woche unserer Zeit in Sibirien dann ein Lager mit 30 Kindern, von denen viele neu bei den Pfadfindern waren, auf dem Programm stand. Das Lager, das wir mitleiten sollten, fand auf dem Bauernhof des Stammes statt, der 9 km und zwei Stunden Fußmarsch vom nächsten Ort entfernt in einem Sumpfgebiet liegt. Dies war auch der Grund für die zahlreichen Mücken, Bremsen und anderen stechenden Insekten, die scheinbar nur uns Deutsche plagten und uns des Öfteren beinahe in den Wahnsinn trieben. Dennoch entwickelte sich der Hof in der folgenden Zeit zu einem Ort, an dem wir gerne unsere Zeit verbrachten.
Auf dem Lager zeigte sich leider, dass die Leitung und Gestaltung eines Lagers für uns ohne Übersetzer etwas problematisch war. Das führte dazu, dass wir in den nächsten Tagen den beiden russischen Lagerleiterinnen vor allem bei Aufgaben wie dem Aufbau von Zelten und anderen Lagherbauten zur Seite standen. In der Mitte der Woche bekamen wir dann jedoch eine Übersetzerin, die es uns ermöglichte, selbst Programm für die Kinder zu machen und auch Andachten zu halten. Trotz des schlechten Wetters, das etwa zeitgleich mit unserer Übersetzerin eintraf und das dazu führte, dass wir unser Lager gänzlich in das Hauptgebäude des Hofes verlegten, hatten wir eine Menge Spaß mit den Kindern. Auch von den Andachten scheinen die Kinder viel mitgenommen zu haben, eine Tatsache, die uns natürlich besonders freute.  
Nach dem Lager beschlossen wir, auf Fahrt zu gehen, und den Baikalsee zu erkunden, wobei uns sechs russische Pfadfinder begleiten würden. Zunächst ging es mit dem Nachtzug zum Ostufer des Sees, von wo wir - so sah zumindest unser Plan aus - mit dem Boot nach Olchon, einer Insel auf der mückenfreien Westseite des Sees, übersetzen wollten. Am Ufer des Baikals angekommen, mussten wir jedoch nach einem Gespräch mit einem einheimischen Polizisten feststellen, dass unser Geld vermutlich nicht ausreichen würde. Was tun? Wir beschlossen, darauf zu vertrauen, dass Gott uns eine billigere Möglichkeit für eine Überfahrt geben und dass unser Geld letztendlich reichen würde und verbrachten zunächst drei Tage auf einer unter Naturschutz stehenden Halbinsel. Dort hatten wir zum ersten Mal Gelegenheit, im Wasser des Baikalsees, das an dieser Stelle angenehm warm war, zu baden und die wunderschöne Aussicht auf die Weite des Sees zu genießen. Wir wanderten viel und verzichteten wegen des guten Wetters darauf, unser Zelt aufzubauen, und schliefen unter einer Zeltbahn am Strand.
Leider zeigte sich, dass die Pfadfindern, mit denen wir auf Fahrt gegangen waren, andere Vorstellungen von dieser Tour hatten als wir. So gab es während der folgenden Tage öfters Beschwerden über das Essen oder das viele Laufen, was die Stimmung etwas trübte. Jedoch war die Gemeinschaft unter uns wirklich gut und wir hatten auch viel Spaß zusammen.
Zwischendurch nahmen wir uns auch immer wieder Zeit für gemeinsame Gebetsrunden und erfuhren schon bald eine Gebetserhörung nach der anderen: Auf jeder unserer Tagesmärsche hielt früher oder später ein Auto, das unser Gepäck mitnahm, und wenn auch wir dann genug vom Laufen unter der heiß vom Himmel brennenden Sonne hatten, wurden auch wir von freundlichen Autofahrern an unser Ziel gebracht. Und als wir nach drei Tagen auf der Halbinsel wieder im Hafen ankamen und schon dachten, wir müssten mit dem Zug zurück nach Irkutsk reisen, bekamen wir am Abend doch noch ein Angebot für eine Überfahrt nach Olchon, das wir uns leisten konnten. So überquerten wir dann nachts den Baikalsee und erreichten, als die Sonne aufging, die Insel Olchon, die mit ihren langen Sandstränden, weiten Wiesen, lichten Kiefern- und Lärchenwäldern und steilen Klippen landschaftlich ein wahrer Genuss ist.    
Unser Zeltplatz lag auf einer Anhöhe direkt am Ufer des Sees und hatte eine wunderbare Aussicht auf den Baikal. Hier verbrachten die Russen, die endgültig nicht mehr laufen wollten, die nächsten Tage, während wir drei jeden Morgen zu einer Tagestour die Küste entlang aufbrachen. Auf einer unserer Wanderungen begleitete uns ein alter deutscher Pfadfinder, der seinen Freunden versprochen hatte mit dem Rucksack zu wandern. Unsere Touren führten uns zu einer Vielzahl wunderschöner Plätze am See, so dass sich für uns jeder Schritt gelohnt hat.
Nach sieben Tagen auf Fahrt ging es dann zurück nach Irkutsk. Das Wetter hatte sich verschlechtert und die Russen wollten gerne nach Hause. Bis zuletzt war nicht klar gewesen, ob wir überhaupt noch genug Geld hatten, um bis nach Irkutsk zu kommen, doch am Abend vor der Abreise zeigte sich wieder mal, dass Gott unsere Gebete erhört, und wir ergatterten günstige Karten für den Bus, der uns - wieder über eine der oft nicht asphaltierten und mit hunderten von Schlaglöchern gespickten russischen Straßen - von der Insel bringen sollte.  
Unsere letzte Woche in Sibirien verbrachten wir wieder auf dem Bauernhof, wo wir eine recht ruhige Zeit verbrachten, da Kerstin und Tobi an den ersten Tagen wegen Krankheit das Bett hüten mussten. Dafür hatten wir aber Zeit, um ein Stammes- sowie ein Fahrtenlied zu schreiben und konnten auch etwas bei den Vorbereitungen für das nächste Lager helfen. Denn nach zwei Tagen war es mit der Ruhe vorbei und eine neue Schar von Kindern trudelte ein.
Am 23.7. verließen wir nach einer Abschiedsrunde den Hof. Gerne wären wir noch ein paar Tage geblieben. Die letzten beiden Tage vor unserem Rückflug verbrachten wir in Irkutsk bei Thomas Grote, der uns am 25.7. morgens früh zum Flughafen brachte. Nach einer Zwischenlandung in Nischni Nowgorod wegen Gewitters in Moskau, wegen dem wir unseren Anschlussflug nach Frankfurt verpassten, gelang es uns trotzdem, mit dem nächsten Flug wieder heile auf deutschem Boden zu landen. Das Abenteuer Sibirien war vorbei, das Ende unserer Reise gekommen.
Eines ist jedoch klar: An die Ereignisse der letzten Wochen, unsere Erlebnisse mit Gott, die vielen netten Leute, die wir kennenlernen durften, und die Gastfreundschaft der russischen Pfadfinder werden wir wohl noch lange und gerne zurückdenken.

riki