Drei Gipfel im Nebel


Watzmannüberschreitung 2011

Wenn die Turmfalken eine Tour in den deutschen Alpen machen, dann läuft diese in den seltensten Fällen so wie geplant. In der Regel hält uns die Witterung davon ab, den ursprünglichen Plan in die Tat umzusetzen. Wenn man bis zu den Knien im Schnee versinkt, dichtes Schneetreiben die Orientierung schwierig bis unmöglich macht und das Trinkwasser in den Flaschen gefriert, bleibt einem manchmal nichts anderes übrig, als umzukehren. Diesmal hatten wir nur Nebel - zu wenig, um uns aufzuhalten.
Zu dritt hatten wir uns an einem frühen Samstagmorgen im Juni gen Ramsau aufgemacht. Nachdem wir zunächst - natürlich vollkommen freiwillig - das winzige Örtchen Ramsau in der Nähe von Berchtesgarden, das nicht in unmittelbarer Umgebung des Watzmanns liegt, dafür aber über eine wunderschöne Schotterstraße verfügt, besucht hatten, erreichten wir gegen Mittag unseren eigentlichen Startpunkt. Wir stärkten uns mit Schwarzbrot und Frikadellen und machten uns dann an den Aufstieg. Von der Wimbachbrücke führte ein zunächst ziemlich breiter Weg den Berg hinauf und so stiegen wir - von einigen Trink-, Verschnauf-, Auszieh- und Umziehpausen unterbrochen - langsam aber sicher höher und höher. Von guter Aussicht konnte leider keine Rede sein, aber da wir uns noch nicht in, sondern unter den Wolken befanden, konnten wir wenigstens noch so weit sehen, dass ein Vorwärtskommen feststellbar war.
Etwa auf der Hälfte der Strecke legten wir auf der Mitterkaseralm eine kurze Spezi- und Bierpause ein, bevor der Weg endgültig zum Bergpfad wurde und wir in den Nebel eintauchten. Bald erreichten wir eine Stelle, von der aus man laut Mario das Watzmannhaus normaler Weise schon hätte sehen können. Als wir das Watzmannhaus erkennen konnten, standen wir schon fast vor der Tür - nach etwa 3 h Aufstieg hatten wir unser Tagesziel erreicht. Nachdem wir uns drei Plätze im Lager gesichert und uns von unseren nassen Sachen befreit hatten, setzten wir uns in die Gaststube, spielten Arschloch, versuchten mehr über die geplanten Touren der anderen Gäste herauszufinden und stärkten uns mit einem leckeren Abendessen, wobei Christian die Herausforderung bewältigen musste, seine mitgebrachte Raviolidose ohne Dosenöffner zu öffnen.
Nach einer mehr oder minder erholsamen Nacht fanden wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück wieder in der Gaststube ein. Von den vielen Wanderern, die am Abend zuvor noch die Watzmannübersteigung geplant hatten, waren nicht wenige wieder von ihrem Vorhaben abgerückt. Die Wetteraussichten waren trübe und die Hüttenwirtin riet wegen der schlechten Sicht von der Übersteigung ab. Wir beschlossen, es trotzdem zu versuchen. Auf dem noch nicht weiter schwierigen Weg zum Hocheck, dem ersten Watzmanngipfel, waren vor und hinter uns noch einige andere Wanderer unterwegs. Während wir nach dem Aufstieg durch neblige Felsenlandschaften am Gipfelkreuz unsere Gurte und Klettersteigsets anlegten (natürlich nicht, ohne mit einigen Mühen ein Gipfelfoto geschossen zu haben), machten sich die meisten anderen wieder auf den Weg gen Watzmannhaus.
Und so waren wir alleine, als wir hinter der Biwakhütte die ersten Stahlseilsicherungen erreichten und die Watzmannüberschreitung in Angriff nahmen. Der mit einigen Kletterpassagen gespickte Weg führte mal auf der Ostseite des Grats entlang, mal direkt auf dem Grat und mal auf der windgeschützten Westseite. Zu beiden Seiten fiel der Fels steil ab, doch bei dem an diesem Tag herrschenden Wetter hätte man sich selbst mit Höhenangst nicht fürchten müssen - bei all dem Grau ließ sich die Tiefe unter uns nicht mal erahnen.
Relativ schnell erreichten wir die Mittelspitze, mit 2732 m der höchste der Watzmanngipfel. Doch auch hier verweilten wir nicht lange, sondern wanderten und kletterten weiter – immer der Südspitze entgegen. Dieser Teil der Gratwanderung war deutlich länger als der erste Teil und auch die Kletterpassagen waren etwas anspruchsvoller und weniger gut gesichert. So ließ die Südspitze auf sich warten und irgendwann beschlossen wir, erstmal eine Apfelpause einzulegen. Die dauerte weitaus länger als geplant (sehr zum Erstaunen der Jungs brauchen kleine Menschen mit kleinen Mündern sehr lange, um große Äpfel zu verzehren) und so wurden wir beim Warten von zwei Wanderern überholt, die uns darauf aufmerksam machten, dass wir nur wenige Meter unterhalb der Südspitze saßen. Ohne Nebel hätten wir das sicher auch bemerkt :-)
Auf der Südspitze erfolgte dann die eigentliche Mittagspause mit Wurst, Brot, Schokolade und Müsliriegeln. Außer uns und den beiden Wanderern war auch eine tschechische Wandergruppe anwesend, aber ansonsten wagte an diesem Tag niemand die Watzmannüberschreitung. Frisch gestärkt ging es dann abwärts - bei den meisten Bergtouren eher ein langweiliger Teil der Tour, bei dem man ohne große Mühe talwärts trottet. Nicht so am Watzmann. Der Abstieg von der Südspitze ins Wimbachgries ist steil, gespickt mit Kletterpassagen, rutschigen Geröllfeldern, Felsrinnen und kleineren Schneefeldern, so dass man die ganze Zeit hochkonzentriert sein muss. Für die Anstrengungen wurden wir immerhin mit einem kleinen Wasserfall belohnt – und mit einer langsam, aber sicher etwas besser werdenden Sicht.
Als wir endlich das Wimbachgries erreicht hatten, hatte Christian immer noch nicht genug, sondern erklomm noch schnell einen weiteren Gipfel, auf dem er doch tatsächlich strahlenden Sonnenschein und beste Aussicht hatte, Murmeltiere sah, faul in der Wiese liegen und seine letzten Ravioli essen konnte. Wir anderen liefen gleich erschöpft zur Hütte wieder, wo wir die Waschgelegenheiten nutzten und uns mit Essen und Trinken stärkten. Erstaunlicher Weise hatte ich es irgendwie geschafft, mir trotz des Nebels und der unsichtbaren Sonne einen Sonnenbrand zu holen.
Nach einer erholsamen Nacht ging es am nächsten Morgen dann auf ziemlich ebenen Pfaden das Wimbachgries hinab zurück zum Auto. Gefrühstückt wurde inmitten des Stein- und Geröllmeers, aber allzu lange hielten wir uns in dieser eigenartigen Landschaft nicht auf, sondern traten so schnell wie möglich die Heimreise an, schließlich waren wir alle müde und freuten uns vor allem auf unser Bett. Nichtsdestotrotz – die Tour hatte sich gelohnt. Auch ohne Sicht ist die Watzmannüberschreitung eine tolle Wanderung. Und wenn man die Umgebung sehen kann, dann ist sie bestimmt noch viel schöner.

Rike