Die Söhne der Windrose

Die Söhne der Windrose

Der Nerother Wandervogel zwischen Anpassung und »Resistenz« Autonome Jugendbewegung und bündische Opposition im NS-Staat

Klaus-Peter Meeth, Langen/Hessen (Teil II)

 

A) Historischer Exkurs

»...und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!«

— Hitlers Drohung an die deutsche Jugend —

Im Nazi-Jargon wurde der Kulturstil der freien Jugendbünde der Weimarer Zeit verächtlich mit dem Etikett »Bündische Umtriebe« versehen, die Akteure wurden als »Bündische Hunde« diffamiert. Zu den tragenden Elementen dieses Lebensstils zählten Auslandsfahrten, Kosakenlieder, intensive Gemeinschaftserlebnisse, kurz eine vaganteskbohemehafte Lebensweise, die sich radikal vom militaristischen Drill der nazistischen Partei- und Staatsjugend unterschied.

Wesentliche Forschungsansätze, die sich mit diesem widerständigen Verhalten Jugendlicher während der Nazi-Diktatur beschäftigen, sollen nun in der gebotenen Kürze vorgestellt werden. Hier sind vor allem vier Namen zu nennen, die sich zwar in ihren Forschungsschwerpunkten unterscheiden, die aber zusammengenommen eine facettenreiche Gesamtschau jugendlicher Verweigerung im NS-Staat ermöglichen.

An erster Stelle ist da Professor Arno Klönne zu erwähnen, der wohl profilierteste Kenner der Widerstandsszene, seine Untersuchungen behandeln vor allem den Widerstand der autonomen, nicht an Organisationen gebundenen Gruppen. Detlev Peukert beleuchtet den Widerstand Jugendlicher aus ihrer Alltagserfahrung heraus, und Karl-Heinz Jahnke beschäftigt sich mit dem Widerstand der Jugendorganisationen der beiden Arbeiterparteien KPD und SPD. Matthias von Hellfeld kommt ebenso wie Detlev Peukert das besondere Verdienst zu, eine bislang weniger beachtete Form jugendlicher Resistenz erforscht zu haben. Ihr Interesse gilt den kaum organisierten und zuweilen abenteuerlich romantisch anmutenden Aktivitäten der »Edelweißpiraten«. Die Bezeichnung »E.P.« stammt von den mit der Verfolgungmißliebiger Jugendlicher beauftragten NS-Kontrollorganen als Oberbegriff für alle Jugendlichen, die sich nicht in die HJ einfügen ließen. Aus dem »Orden der Piraten« im Nerother Wandervogel gingen die E.P. hervor, ihre Hauptschwerpunkte lagen im Rheinland und im Rhein-Main-Gebiet.

Bei einer groben zeitlichen Einteilung kann man drei Phasen der Jugendopposition im Dritten Reich unterscheiden; sie sind jeweils durch die Träger der antinazistischen Aktivitäten gekennzeichnet. In der ersten Phase waren es besonders die Jugendverbände der politischen Parteien KPD und SPD, die sich gegen die braunen Machthaber wehrten. In der zweiten Phase waren es vor allem die konfessionellen Jugendverbände und die Bündische Jugend, die den entschiedenen Kampf gegen die Unterdrückung führten. In der dritten Phase, so etwa ab 1939 und verstärkt noch in den Kriegsjahren, entwickelten sich spontane Jugendgruppen, im Stile der Kittelbachpiraten, der Meuten, der Swing-Jugend, der wilden Cliquen und illegale bündische Gruppierungen zu einer neuen Qualität der Jugendopposition. Teile der E.P., überwiegend Arbeitjugendliche und illegal Bündische, leisteten aktiven Widerstand, sie verfaßten und verteilten Flugblätter, malten antifaschistische Parolen an Gebäude und unterstützen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Diese Gruppen existierten in bestimmten Regionen des damaligen deutschen Reiches und zogen durch ihre Attraktivität immer mehr unzufriedene Jugendliche an, sie alle entzogen sich konsequent dem Anspruch der NS-Erziehung und stellten insofern eine aktuelle Gefahr für das Dritte Reich dar.

Staatliche Repression und Jugendrebellion

Die sozialdemokratisch-sozialistischen und die kommunistischen Jugendverbände widersetzten sich kompromißlos, auf der Grundlage ihrer klaren politischen Ziel- und Wertvorstellungen, dem Sog der »nationalen Erhebung«. Ihren antifaschistischen Kampf führten sie offen und direkt, so daß es für die Nazis ein leichtes Spiel war, sie bedingungslos zu bekämpfen und zu zerschlagen. Die Gleichschaltung erwies sich aber als besonders schwierig, als es den Nazi-Behörden darum ging, die konfessionellen und freien Bünde der deutschen Jugendbewegung in die »nationalsozialistische Volksjugend« zu überführen. Ein so eindeutiges und blutiges Vorgehen wie bei den politischen Organisationen konnte sich das braune Regime bei seinen Versuchen, die Jugendverbände der beiden Kirchen zu verbieten, nicht leisten. Zur eigenen Machtdurchsetzung und -Stabilisierung waren die Nazis auf die Loyalitätsbekundungen der Kirchen angewiesen.

In der evangelischen Jugend herrschte schon vor 1933 eine deutsch-nationale, völkisch-nationalistische Gesinnung und Grundstimmung vor. Ein Abkommen zwischen der HJ-Führung und dem Reichsbischof Ludwig Müller machte es den Nazis leicht, im Dezember 1933, die Eingliederung der ev. Jugend in die HJ zu veranlassen. Die zuvor eigenständige, jugendspezifische Kirchenarbeit konnte nicht mehr durchgeführt werden, als letzte Möglichkeit versuchte die ev. Kirche im innerkirchlichen Raum Jugendarbeit in Form von »Seelsorge« zu betreiben. In der katholischen Jugend hatte sich schon früh eine Orientierung an den Lebensformen und -weiten der Jugendbewegung durchgesetzt, dadurch bot sie eine attraktive Alternative zur dirigistischen Staatsjugend. Durch das Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und der Reichsregierung vom 12. September 1933 war es der kath. Kirchenjugend möglich, trotz erheblicher Behinderung, immerhin bis 1937 ihre Jugendarbeit aufrechtzuerhalten. Das Gesetz über die Hitlerjugend vom 1. 12. 1936 verlangte die Mitgliedschaft in der HJ für alle Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr; im Jahr 1937 wurde die Doppelmitgliedschaft in HJ und Jugendorganisationen der kath. Kirche von der Reichsjugendführung verboten, damit wurde der Druck so stark, daß sich die kath. Jugend gezwungen sah, diözesweise aufzulösen. Zuerst wurden am 1. August 1937 die gesamten kath. Jungmännerverbände der Diözese Paderborn auf Grund des »Verbotes der Betätigung der konfessionellen Jugendverbändevom 23. Juli 1935 mit sportlichen Spielen, Wanderfahrten und Zelten« verboten. Es sollte also jede neue Formierung der Jugend unmöglich gemacht werden, was der Wortlaut des Verbotes des Jugendverbandes der Diözese Trier vom 12. November 1937 deutlich belegt. »Auf Grund des Paragraphen der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 26. Februar 1933 ist mit sofortiger Wirkung der katholische Jungmännerver-band Trier einschließlich seiner Unter- und Nebengliederungen, insbesondere der Pfadfinderschaft St. Georg, der Jungscharen, der Sturmscharen, der Pfarrjugend sowie der sogenannten Kernscharen der Marianischen Jünglingskongregation und der Meßdienerorganisation, aufgelöst worden. Jede Tätigkeit, die den Versuch der Fortführung der im katholischen Jungmännerverband der Diözese Trier zusammengeschlossenen Vereine oder den Versuch einer Neugründung mit gleichem ähnlichem Ziel unternimmt, ist untersagt« (Literaturverzeichnis Nr. 5 / S. 180).

Vor 1933 gab es im Deutschen Reich mehr als 100 politische, konfessionelle, berufständische, bündische oder sportliche Jugendverbände mit nahezu 6.000.000 organisierten Jugendlichen. Mit der Machtübergabe an die NSDAP erklärten die neuen Herrscher, sie wollten ihre politische Macht auf Generationen hin sichern; dafür entwickelten sie eine spezielle Jugendpolitik. Die Jungen wurden im Jungvolk und in der seit 1926 bestehenden Hitlerjugend, die Mädchen als Jungmädel und im BDM erfaßt und organisiert. Baidur v. Schirach faßte das so zusammen: »Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muß die HJ die einzige Jugendorganisation sein.«

Aus der Parteijugend sollte eine fanatische Staatsjugend werden. Um den Autonomieanspruch der freien deutschen Jugendbewegung gegenüber dem absoluten Anspruch der HJ zu verteidigen, schlössen sich am 29. 3. 1933 in Frohnau Teile der Bündischen Jugend (B.J.) zum Großdeutschen Bund zusammen. Unter der Schirmherrschaft des greisen Admirals von Trotha zählte der so zusammengeschweißte Keil der Bündischen ca. 50.000 Mitglieder, genausoviele wie zu diesem Zeitpunkt die Mitgliederstatistik der HJ auswies. Doch dieser letzte verzweifelte Zusammenschluß der meisten freien Bünde hatte keine 3 Monate Bestand. 1933 ließ der HJ-Führer Baidur v. Schirach das Büro des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbände besetzen und alles beschlagnahmen. Am 17. Juni 1933 wurde dieser Willkürakt durch Hitler »legalisiert« indem er Schirach zum Jugendführer des Deutschen Reiches ernannte. Eine der ersten Amtshandlungen des neu ernannten Jugendführers war der am 17. Juni 1933 erlassene Befehl zur Auflösung des Großdeutschen Bundes. Am 28. Juni 1933 erließ von Trotha seinen letzten Befehl an den Bund mit dem Appell, sich den Formationen der HJ freiwillig anzuschließen. Damit hatte die deutsche Jugendbewegung endgültig aufgehört zu existieren.

Der überwiegende Teil der Bünde schwenkte aus nationaler oder völkischer Überzeugung ins Lager der Hitlerjugend bzw. des Jungvolkes. Das kann nicht weiterhin verwunderlich sein, weisen doch große Teile der Jugendbewegung ideologisch und praktisch viele Schnittmengen mit dem Nationalsozialismus auf. Die Leitbilder und nicht zuletzt auch die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Bünde versucht nun die HJ für ihre Politik fruchtbar zu machen und in ihr Konzept zu integrieren. »Führer und Gefolgschaft«, »Volk und Reich«, »Ehre und Treue«, »Blut und Boden«, »Nation und Sozialismus«, »Volksgemeinschaft statt Klassenkampf«, das waren Schlüsselworte und ideologische Standards, die in der Jugendbewegung prägende Kraft besaßen, schon zu Zeiten, als die NSDAP noch eine Randexistenz führte. Gemeinschaftsaktivitäten, Sozialformen, Gefühle und Werte sind in beiden Bewegungen oft identisch. Die alten Ressentiments gegen Demokratie und Liberalismus und gegen den verhaßten Weimarer-Parteien-Staat, konnten im aufkommenden deutschen Faschismus aber noch aggressiver und intensiver ausgelebt werden.

Zusammenfassend läßt sich über das Verhältnis von Hitler-Bewegung und Jugendbewegung folgendes sagen:

An der organisatorischen Durchsetzung und am machtpolitischen Durchbruch des deutschen Faschismus hatte die bürgerliche Jugendbewegung keinen nennenswerten Anteil. Nicht die Bündischen verhalfen den Nazis zu ihrer Machtposition, noch profitierten sie von der NS-Diktatur. Historisch nachgewiesen ist, daß viele der Bünde aus nationaler und völkischer Überzeugung in der ersten Zeit des Dritten Reiches ins Lager der HJ und des Deutschen Jungvolks überwechselten und dort versuchten ihre bündischen Ideale zu leben. Ohne Zweifel gehört die Jugendbewegung zu den geistigen Strömungen in der deutschen Sozial- und Geistesgeschichte, die die Dispositionen, Leitbilder und Lebensformen bereitstellte, an die der Faschismus anknüpfen und die er z.T. integrieren (pervertieren !!!) konnte; sie verliehen ihm zu einem erheblichen Teil seine Attraktivität. Es gab aber auch Bünde, die mit der späteren Realität des Dritten Reiches nichts im Sinne hatten, sie kehrten dem neuen Staat bald den Rücken und versuchten, ihr bündisches Milieu außerhalb der einzig legalen Jugendorganisation zu erhalten. Es darf ferner auch nicht in Vergessenheit geraten, daß innerhalb der Jugendbewegung ein politisch emanzipatives, sensibles Potential existierte, das für das nazistische System noch gewaltige, dys-funktionale Energien zu entwickeln in der Lage war; es gab viele Jugendliche, die genau registrierten, als ihre wandernden Gruppen in organisierte Marschkolonnen umgeformt werden sollten. Der neuen NS-Jugendpolitik ging es in erster Linie um Herrschaftsstabilisierung, der Einsatz der Jugend für militante Expansion und Unterdrückung wurde geprobt. Dem Phänomen des bündischen Milieus, den Nachfahren der Wandervogelbewegung und der frühen Pfadfinderschaft wird man nicht gerecht, wenn man allgemein von den Bündischen spricht. Ohne differenziertes Eingehen auf die Pluralität des gesamten Spektrums und auf die jeweilige Eigenart der einzelnen Bünde, wird man diesen Jugendlichen nicht gerecht.

Für den Nerother Wandervogel hat eine solch differenzierte Arbeit Stefan Krolle vorgelegt (vgl. L.V. Nr. 21). Er hat eine beachtenswerte Studie veröffentlicht, in der die Geschichte der Nerother vor und unter dem Faschismus nachgezeichnet wird, dabei wird das Spannungsfeld deutlich, in das die freien Jugendgruppen gerieten. Krolle führte mit heute noch lebenden »Alt«- Nerothern retroperspektivische Interviews und verglich diese Aussagen mit Gestapo-Akten, die die ehemalige Gestapostelle Düsseldorf für den Zeitraum von 1935 - 1943 über die verhafteten Nerother angelegt hatte, und die heute im Hauptarchiv Düsseldorf aufbewahrt werden und Forschungszwecken zugänglich sind. Hier lagern insgesamt 2.800 Blatt Gestapo-Personalakten, die sich mit den Nerothern beschäftigen. Krolle hat sie z.T. ausgewertet und uns mit seiner Arbeit eine vergangene und verfolgte Jugendkultur vor Augen geführt, die vom NS-Staat erbarmungslos zerschlagen wurde.

Einzelne Etappen der Nerother Bundesgeschichte sollen im weiteren Verlauf meiner Arbeit dem interessierten Leser des Heimatjahrbuches vor Augen geführt werden.

B) Pulsierendes Bundesleben

Burg Waldeck im Hunsrück, der Stammsitz des Nerother Bundes, hatte sich zum Zentrum eines ungezähmten Wandervogeltriebs entwikkelt. Den jugendlichen Hunger nach Welterfahrung wußten sich die Nerother Fähnlein auf ihren ausgedehnten Entdeckungsreisen zu stillen, dabei praktizierten sie eine, im Gegensatz zur antitechnischen Tradition des Wandervogels stehende, Fahrtenromantik, sie reisten selbstverständlich auch per Anhalter.

Weltoffenheit erwuchs aus der Lebenspraxis der vagantenhaften Horden, und aus ihren weitgespannten Unternehmungen in ferne Länder und Kulturen; hier konnten sie ihr ungebundenes und solidarisches Leben entwickeln und pflegen. Diese innerhalb der deutschen Jugendbewegung einzigartigen Expeditionen übten eine geheimnisvolle Faszination und Bewunderung aus, das Suchen nach der »Blauen Blume« war für die Nerother nicht nur auf die heimatlichen Gefilde beschränkt. Dabei verstanden sich die Nerother, im Gegensatz zu den Globetrottern, als Botschafter des Deutschtums in der Welt, ihre Großfahrten waren auch zugleich Präsentation deutschen Kulturguts im Ausland. Diesem Umstand verdankten sie eine hohe Auszeichnung und Anerkennung:

Robinodranath Tagore, der indische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1913, war Gast auf der Waldeck im Jahre 1930. Robert Oelbermann hatte ihn auf seiner Weltreise (Asienfahrt) 1927/28 zu einem Gegenbesuch eingeladen. R. Tagore wohnte der Einweihungsfeier des nach Buschüter-Plänen erbauten »Säulenhauses« bei und hielt eine beachtenswerte Rede, die uns einen Eindruck vermittelt von der Ausstrahlungskraft nerothanen Lebens.

»...Eure Lebensfreude selbst ist ein unerschöpflicher Jungbrunnen für den Menschen. Ihr steht auf mit der Morgensonne, Ihr geht hinaus zum Schwimmen, zum Waldlauf, Ihr sammelt Feuerholz, Ihr kocht Euer Essen! selbst, Ihr baut Eure Häuser, jede Bewegung Eures Körpers und Eures Geistes strömt über von Leben und Freude. Ihr dichtet Eure eigenen Schauspiele und spielt sie unter freiem Himmel im Licht eines Freudenfeuers; Ihr haltet Vorträge und unternehmt Fahrten, und aus Eu-rem unmittelbaren Bemühen wächst ein harmonisches Gemeinschaftsleben heraus, das Eurem Dasein einen großen Sinn verleiht und das schöpferische Impulse ausstrahlt in die junge Generation Deutschlands...« (vgl. L.V. Nr. 217 S. 130).

Das Jahr 1930 war wohl eines der bedeutendsten im Nerother Bundesleben vor dem M. Weltkrieg. Neben dem Besuch des indischen Weisen R. Tagore fanden sich in diesem Jahr auch noch andere wichtige Persönlichkeiten der deutschen Jugendbewegung auf der Waldeck ein. Zur Einweihung des »Säulenhauses« weilten unter den Gästen der Gründer der »Freien Schulgemeinde Wickersdorf« Gustav Wynecken. Beachtenswert ist ferner, daß Karl Fischer, der Gründungsvater der Wandervogelbewegung, als Ehrengast anwesend war und dem Nerother Wandervogel als Mitglied beigetreten ist.

So genossen es die Nerother, in ihrem selbstgeschaffenen und freien Jugend- und Jungenreich zu leben, zu wohnen und zu arbeiten. In den Jahren 1931 und 1932 fanden unter der Führung von Karl Oelbermann die Wikinger-Kreuzzugfahrt auf dem Rhein, der Orientierungskreuzzug zum Heiligen Grab, die Nordseespielfahrt zu den nordfriesischen Inseln und der Schottlandkreuzzug statt. Im Mai 1931 war Robert Oelbermann mit 12 Teilnehmern zur ersten Südamerikafahrt aufgebrochen, die dann in der 2. Hälfte zur Weltfahrt erweitert wurde. Diese Großfahrt brachte sie auch an den Hof des ehemaligen Kaisers von China, der ihnen eine Privataudienz gewährte. Ihre Erfolge spiegelten sich ebenso in der begeisterten Aufnahme der kulturellen Darbietungen an den Universitäten der Welt.

Die Weltfahrer hatten Deutschland verlassen, als Brünning Reichskanzler war. Aus der Ferne konnten sie die Entwicklung des politischen Lebens nur beschränkt mitverfolgen. Um den Totalitätsanspruch der Hitler-Bewegung wußten sie, dem galt auch ihre Sorge, doch eine unmittelbare Gefahr sahen sie nicht.

Als der Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernennt, werden die neuen Machthaber enthusiastisch gefeiert. Bei den Aufmärschen in Deutschlands Metropolen beteiligten sich auch Nerother Fähnlein. Im Meer der Hakenkreuzfahnen zeigten sie stolz ihr Schwanenbanner, sie fühlten sich durchaus als Teil der »nationalen Erhebung« und wollten mit ihrem Auftritt auch ihre Eigenständigkeit dokumentieren.

Karl Oelbermann, der bei Abwesenheit von Bruder Robert die Bundesleitung innehatte, bot den Nerother Bund der neuen Staatsführung als »wertvolle Führerschule« an. Mit diesem Schachzug beabsichtigte er, die Eigenwelt des Bundes zu erhalten, er wollte ihn nicht untergehen lassen in der Masse der Staatsjugend. Die seit der Machtübernahme an die Nazis systematisch betriebene Bespitzelung und Verfolgung der Bündischen Jugend blieb auch nicht ohne Auswirkung auf die Nerother. Pfingsten 1933 fand der letzte freie und legale Bundestag auf einem Privatgrundstück im Kalmut-Tal bei Remagen statt. Trotz massiver Drohung von Seiten der SA und HJ fanden sich viele Hundert Teilnehmer ein. Es war einem glücklichen Umstand zu verdanken, daß das Treffen stattfinden konnte, die Nerother hatten einen hochkarätigen Parteigenossen als Gönner. Der nationalsozialistische Regierungspräsident von Koblenz, Turner, fühlte sich den Oelbermännern stark verbunden, er bewunderte sie wegen ihrer Glanzkarriere im l. Weltkrieg und wegen ihrer hohen militärischen Auszeichnungen. Es kam hinzu, daß sein eigener Sohn selbst Nerother war. Ein Polizeiaufgebot, das seinem Befehl unterstand, schützte die Nerother vor brutalen Übergriffen der SA und HJ. So gelang es auch nicht dem Bannführer Karbach aus Koblenz, mit seiner Rede auf dem Bundestreffen, die Nerother zur Auflösung ihres Bundes zu bewegen, um sich der HJ anzuschließen, dieser Versuch scheiterte kläglich an der Geschlossenheit des Bundestages.

Premiere hatte das Lied: »Kameraden, wann sehen wir uns wieder?«

Eine unheilvolle Vorahnung lag über dem Kalmut-Tal

Am 18. Juni 1933, dem Tag der Sonnenwende, kam es dann zum Überfall auf die Burg Waldeck. Diese militärische Aktion trug komödienhafte Züge. 200 Mann SA und ein HJ-Häuflein wollten die Burg mit 6 Mann Besatzung stürmen; ein abtrünniger Nerother, der sich der SS angeschlossen hatte, mußte den Nazi-Schergen den Weg zeigen.

Wieder war es der Intervention von Turner zu verdanken, daß ein SS-Kommando die Besetzung der Burg Waldeck beendete.

Paul Leser, persönlicher Freund und Berater der Gebrüder Oelbermann, Ritter im Nerother Bund, hat über diesen SA- und HJ-Überfall einen authentischen Bericht verfaßt und ihn an Robert nach Manila gesandt, um ihm die dramatische Zuspitzung der Situation vor Augen zu führen. Er hatte Samnaun in der Schweiz als Absendeort gewählt, um so der Nazi-Zensur zu entgehen. Paul Leser war deutscher Staatsbürger, wegen seiner jüdischen Abstammung besonders sensibilisiert, hat er in dem Brief die nationalsozialistischen Machthaber schonungslos und ohne jede Illusion analysiert und die Gefahr klar aufgezeichnet, die dem Nerother Bund von den Nazis her drohte. Robert forderte er zur sofortigen Rückkehr auf, weil er jetzt dringend gebraucht wurde. Währenddessen lastete auf Karl ein schwerer Druck, von ihm wurden folgenreiche Entscheidungen verlangt. 70% - 80% der Mitglieder im Jungenbund waren Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren. Oelbermann wollte und konnte es nicht zulassen, daß sie als »Staatsfeinde« einer Verfolgungswelle ausgesetzt und für »vogelfrei« erklärt werden sollten, im Rheinland wurde Jagd auf die Nerother gemacht.

Karl Oelbermann, Karl Fischer, Gustav WynecKen, Robert Oelbermann und Karl Buschhüter bei der Einweihung der neuen Bauhütte auf Burg Waldeck 1./2. August 1930 Jugendburgtagung.

Nach Einberufung eines Ordensritterkapitels in Kripp am Rhein und nach eingehender Beratung wurde der Beschluß gefaßt, den Nerother Jungenbund aufzulösen. Am 22. Juni 1933 löste sich der Jungenbund des Nerother Wandervogels angesichts der unverhohlenen und massiven Drohungen von Seiten der Nationalsozialisten auf, Karl appellierte an seine Führer, in die HJ oder ins Jungvolk überzuwechseln, um dort auch weiterhin nerothane Kultur am Leben zu erhalten. Dieser Auflösungsbeschluß wurde von Oelbermann dem HJ-Führer Karbach persönlich überreicht, er machte aber eine Einschränkung geltend, daß nämlich das letzte Wort von seinem Bruder Robert, dem Bundesführer, nach seiner Rückkehr von der Weltreise gesprochen werde. Die Orden im Bund, die eine pro-nazistische Einstellung hatten, liefen mit wehenden Fahnen ins Lager der NS-Jugendorganisationen über. Diejenigen, die eine mehr antinazistische Haltung besaßen, standen vor der Frage der illegalen Weiterführung ihres Wandervogellebens oder aber der Unterwanderung der HJ oder des Jungvolks. Den Nazis blieb diese Strategie natürlich nicht verborgen, sie führten schon sehr früh eine große Säuberungswelle von bündischen Elementen im Jungvolk durch. Bestimmt waren es auch solche NS-Aktionen, wie die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, oder der Auflösungsbeschluß des Großdeutschen Bundes am 17. Juni 1933, der immer mehr Nerother auf Distanz zum NS-System brachte. Ihr individual-anarchistischer Charakter machte sie zu entschiedenen Gegnern der Gleichschaltung und des geistigen Terrors.

Der Hilferuf hatte Robert erreicht. Im Oktober 1933 landete die Weltfahrergruppe in Genua. Dann ging die Fahrt weiter nach Saarbrücken, auf die Waldeck und nach Berlin. Nach der Selbstauflösung bestand der Bund in Brasilien und im Saarland weiter. Weil das Saargebiet noch nicht reichsdeutsch war, konnte der Nerother Wandervogel hier legal weiterexistieren, dabei kam es zu der paradoxen Situation, daß sich die verbotenen SS-Verbände im Saarland mit dem Nerother-Bundeswappen, dem Schwanenbanner, tarnten, während die Nerother im Reich erbarmungslos Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt waren.

Höre Rübezahl, was wir die klagen:

Volk und Heimat, die sind nicht mehr frei,

 :,:Schwing die Keule, wie in alten Tagen,

schlage Nazis, GeStaPo entzwei:,: -

Liedzeile der »Bündischen Hunde«-

Unterdessen sprach Robert in Berlin mehrere Male mit der Reichsjugendführung, auch mit Baidur v. Schirach, um über Modalitäten zu verhandeln, wie der Nerother Bund unter dem Hakenkreuz weiterzuführen sei. Alle seine Bemühungen blieben aber erfolglos.

Trotz des Auflösungsbeschlusses versuchten einzelne Orden ihr Leben weiter in nerothaner Tradition zu gestalten. Am 4./5. Oktober 1933 gründete W. Kaiser mit P. Leser in Ehlhalten im Taunus einen neuen Orden, den Orden der Pachanten. Sie nannten sich nach der ersten, 1901 von Karl Fischer gegründeten, Wandervogelgruppe und umfaßten vier bis fünf Fähnlein. Sie versuchten, sich dem Zugriff des nationalsozialistischen Machtapparates zu entziehen, indem sie auch zu symbolischen Protesten griffen, am Feuer verbrannten sie so z.B. eine Hakenkreuzfahne.

Die Silvesternacht 1933/34 sollte eine der letzten für den Bundesführer, Robert, sein, die er in der Gründungsgrotte auf dem Nerother Kopf erleben durfte. Die Hatschi-Fahrer waren auf dem Weg durch die winterliche Hunsrück- und Eifellandschaft, um im Dörfchen Neroth ein frohes Wiedersehen mit alten Freunden und Kameraden zu feiern. Aus Gerolstein war sogar HJ erschienen. Die Nerother spürten aber deutlich, daß bei denen ein anderer Geist herrschte (ehemalige Nerother waren zu der HJ-Formation übergetreten), von denen war nicht zu erwarten, daß sie ihr Erbe in würdiger Weise antreten könnten.

Der Aufstieg zur Freudenkoppe verlief zu später Stunde stumm, die Stimmung war gedrückt. Robert eröffnete das Silvesterzeremoniell mit der Aufnahme einer neuen Nerother Ordensgemeinschaft, des Ordens der Pachanten. Kurz vor Mitternacht schwor ihr Ordensführer, W. Kaiser, den Nerother-Treue-Eid und verließ dann mit seinen Mannen die warme, hell erleuchtete Höhle. Auch diesmal brannte wieder das berühmte Silvesterfeuer, es hatte noch eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Robert sah sich gezwungen, die in seiner Abwesenheit vollzogene Selbstauflösung des Bundes offiziell zu bestätigen. Er verlaß das Auflösungsdokument. Um Mitternacht übergab er es den Flammen, die es widerwillig verzehrten. Die Pachanten, die draußen vor der Höhle sich befanden, fühlten sich an die Auflösung nicht gebunden. Der nerothane Geist, der jetzt in Form von Feuer und Rauch die Höhe verließ, sollte weiterziehen, um in geheimen und verschworenen Gemeinschaften weiterzuleben.

Robert mußte befürchten, daß auch die Burg Waldeck von den Nazis beschlagnahmt würde, nachdem 1934 der NS-Staat erstmals den Nerother Wandervogel und den Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg im Zusammenhang mit anderen Bünden verboten hatte. Darum entschloß sich Robert am 25. 7. 1934 zu einer Neugründung des Vereins; man gab sich den neutralen Namen »Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.« (ABW). Man hoffte so die Häuser und das Gelände dem Nazi-Zugriff entziehen zu können. Anfang 1934 konnten die Baulichkeiten an die Regierung in Koblenz vermietet werden, die sie der Landjahrjugend zur Verfügung stellte, wieder war es der nationalsozialistische Regierungspräsident Turner aus Koblenz, der übrigens bis 1935 Schutzherr über die Waldecker war, der den Nerothern helfen konnte.

Doch auf Betreiben der HJ wurde der Landjahrvertrag wieder gekündigt. Die Nischen, dem nationalsozialistischen Staatsterror zu entweichen, wurden immer kleiner. Am 11. April 1935 löste Robert die ABW auf, da die Gauleitung der NSDAP Koblenz ihm das nahegelegt hatte. Am 17. April stimmte der Führerring und am 22. April die Mitgliederversammlung zu. Robert wurde zum Liquidator bestimmt, das Vereinsvermögen und die Vereinsschulden wurden auf die Gebrüder Oelbermann übertragen. Am 23. Juni 1935 startete Karl Oelbermann mit 15 Teilnehmern zu einer Afrikaexpedition, die Kameradschaft Oelbermann, wie sich die Afrikafahrer nannten, wollten durch ein Filmprojekt weitere Gelder für die Burg Waldeck beschaffen.

Am 30. 3. 1934 war in aller Stille eine weitere Neugründung innerhalb des Nerother Wandervogels erfolgt. In einem Geheimbund schlössen sich 46 Nerother zur »Gefolgschaft Oelb« zusammen, um sich erneut auf die alten Weistümer und den unsterblichen Wandervogelgedanken zu verpflichten. Trotz Spannungen und Auseinandersetzungen mit der HJ trafen sich wieder Silvester 1934/35 die Hatschi-Fahrer auf den Nerother Kopf. Die HJ war mit ca. 300 Anhängern in Neroth erschienen, sie hatten sich zuvor mit Lkw's anfahren lassen, stießen im Dorf aber auf wenig Gegenliebe bei ihrer Quartiersuche. Zwischen den ca. 100 Nerothern und dem HJ-Aufgebot kam es in dieser Silvesternacht zu keinen Ausschreitungen. Es war bekannt, daß der Gauleiter der SA in Koblenz die Waldeck für die HJ nutzen wollte. Da eine erneute Beschlagnahme unmittelbar bevorstand, sprach der Regierungspräsident Turner anläßlich der Einweihung der Jugendherberge in Manderscheid mit Göring und Schirach über die ABW. Turner wurde unmißverständlich klar gemacht, daß ein Eigenleben des Nerother Bundes unter keinen Umständen mehr möglich sei.

Es waren vor allem zwei jugendbewegte Traditionslinien im gesamtbündischen Spektrum, denen der besondere Haß und Vernichtungswille der NS-Verfolgungsbehörden galt. Einmal stand im Zentrum der Repression die deutsche Jungenschaft vom 1.11. 1929 (dj.1.11.). Sie wurde als »östlich« und »kulturbolschewistisch« abgestempelt. Zum zweiten war es der Nerother Wandervogel, der intensivster Verfolgung ausgesetzt war und den man als »gegenvölkisch und kosmopolitisch« und nicht zuletzt als »homosexuell zersetzend« diffamierte. »Homosexualität« und »Bolschewismus« waren Etikettierungen der Nazibehörden für einen Kulturstil und für Lebenswelten, die sie damit zu kriminalisieren versuchten. Zur Zerschlagung dieses widerständigen Jungenmilieus standen neben den staatlichen auch parteieigene Instanzen bereit, die über die notwendigen und durchschlagenden Machtmittel verfügten. Im Lauf der Jahre ist so ein perfektes Sanktionssystem etabliert worden. Neben der GeStaPo befand sich eine HJ-Sondereinheit im Einsatz, die mit unerbittlicher Härte gegen die oppositionellen Jugendlichen vorging. Schon 1933 war der HJ-Streifendienot als parteiinternes Überwachungs- und Kontrollsystem ins Leben gerufen worden. Ab Mitte 1938 galten seine Einsätze auch der Zerschlagung der »Bündischen Umtriebe« und der Gruppen um die »Edelweißpiraten.

Weiterhin war in Zusammenarbeit mit der Ge-StaPo, der Staatsanwaltschaft und dem SD-Oberabschnitt-West von der Reichsjugendführung 1937 in Düsseldorf die: »Zentralstelle West zur Bekämpfung der bündischen Jugend« installiert worden. Sie hatte vor allem die Aufgabe, auf die Durchführung des Verbotserlasses gegen den Nerother Wandervogel zu achten, er war ja am 8. 2. 1936 offiziell verboten worden. Im Mai 1937 mußte dieses Verbot erneut veröffentlicht und abgedruckt werden.

»Normal ist, was die Art erhält,

unnormal ist, was gegen die Erhaltung der Art steht...«

-Reichsjugendführung (RJF) im Jahr 1940-

Bei der Jagd auf jugendbündische Gruppen, sie waren bereits mehrfach verboten worden, räumte die RJF ein, daß die gesetzlichen Bestimmungen nicht ausreichten, um die Bündische Jugend aufgrund politischer Vergehen zu zerschlagen. Darum wurde der Vorwurf homoerotischer Neigungen oder homosexueller Handlungen ein gern gebrauchtes Mittel der NS-Verfolgungsbehörden, um diese gesellschaftlich mißliebigen Gruppen zu vernichten. So wurde der Terrorfeldzug gegen die illegale Bündische Jugend und gegen den katholischen Klerus auch auf dem Weg über ein Strafverfahren wegen Vergehens nach § 175 StGB geführt.

Die faschistische Moral instrumentalisierte Sexualität für Herrschaftszwecke, es sollte gerade bei homosexuell veranlagten Männern die Stärke der neuen Staatsform demonstriert werden. Im Juni 1934 wurde unter dem Vorwand des Schutzes vor Homosexualität die Führungsspitze der SA ermordet. 1935 wurde der § 175 verschärft; waren bislang nur beischlafähnliche Akte strafbar gewesen, wurde nunmehr jegliche »Unzucht«, selbst Streicheln oder Zusehen, verfolgt. In einer Argumentationshilfe für die Staatsanwaltschaft führte ein HJ-Oberbannführer aus: »Jede gleichgeschlechtliche Handlung ist daher als krankhaft im Sinne einer Volksgemeinschaft anzusehen, und jeder, der eine gleichgeschlechtliche Handlung begeht, verfällt den scharfen Ausmerzegesetzen dieser Gemeinschaft.« (vgl. L.V. Nr. 1/S. 439).

Unter den verschiedenen Häftlingskategorien im KZ waren es gerade die »Rosa Winkel«, die brutalste Schikanen und Demütigungen erleiden mußten, bei verschärften Arbeitsbedingungen lag ihre Todesrate bei 60%.

Am 14. 2. 1936 wird Robert Oelbermann bei einer Aktion gegen die »Bündischen Reste« in Berlin verhaftet, er befand sich dort, um Gespräche mit der Reichsfilmkammer zu führen. Die GeStaPo warf Robert vor, sich im Sommer 1935 in zwei Fällen gegen den § 175 StGB vergangen zu haben. Robert bestritt, sich jemals im Sinne des § 175 strafbar gemacht zu haben, und er konnte das auch mit Hilfe eines Alibis belegen. Das Verfahren wurde daraufhin jedoch nicht eingestellt, das Gericht verurteilte ihn zu 21 Monaten Zuchthaus. 3 Monate wurden ihm erlassen, wegen seinen soldatischen Leistungen im l. Weltkrieg und wegen seiner Verdienste für die deutsche Jugend.

Nach der Verbüßung der 18 Monate nahm die GeStaPo ihn wieder präventiv in Schutzhaft und beantragte die Einweisung ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. Seine Freilassung wurde strikt abgelehnt, weil man von Nazi-Seite befürchtete, daß sich um ihn wieder alte und neue Gruppen scharen, die für die Jugend-sozialisation des NS-Staates ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotential darstellen könnten. In seiner Haft erfuhr Robert Einzelheiten über die Torturen, denen Nerother im Alter von 13-18 Jahren ausgesetzt waren. Die GeStaPo setzte sie unter psychologischen Druck, und unter Androhung von Strafe wurden sie gezwungen, Aussagen über ihre sexuellen Erfahrungen zu machen. Zur Verteidigung seiner Ehre und um die Jungs nicht der Gefahr auszusetzen, daß sie als Sittenstrolche und -Verbrecher abgestempelt werden, entschloß sich Robert, in idealisierender Form, Abhandlungen und Briefe über die Homoerotik zu schreiben. Aus zwei dieser Briefe konstruierten die GeSta-Po-Beamten einen »Bekennerbrief«. Die so vorgenommene Fälschung sollte dann den Behörden ermöglichen, gegen die Bündischen wegen angeblicher Verstöße gegen § 175 StGB vorzugehen. Der Bundesführer gab ganz klar zu verstehen, daß innerhalb seines Bundes eine Propagierung der Homosexualität nie stattgefunden hat, daß schließe aber nicht aus, daß es Menschen gibt, die eine gleichgeschlechtliche Identität besäßen. Am 19.2.1936 gab Robert folgendes bei seiner Vernehmung zu Protokoll:

»Mir wurde bei meiner Festnahme in Berlin vorgehalten, daß ich homosexuell veranlagt sei. Ich habe dies damals bestritten und bestreite dies noch heute.... Auf die Frage, ob gleichgeschlechtliche Neigungen bei mir beständen, sage ich, daß bei allen Führern gleichgeschlechtliche Neigungen in irgendeiner Form bestehen. Es kommt nur darauf an, inwieweit der Führer seine gleichgeschlechtlichen Neigungen in Selbstzucht und Selbstdisziplin zu sublimieren vermag. Daraus entstehen alle großen schöpferischen Leistungen....« (vgl. L.V. Nr. 21/S. 97).

Robert Oelbermann reihte sich damit in die Traditionslinie bekannter Persönlichkeiten ein, die auf der Grundlage ihrer homoerotischen Identität große Ziele erreichten und unvergeßliche Werke schufen. Schon 1927/28 hatte Robert auf seiner China-Reise in Kalkutta eine Schritt verfaßt, die »Idee des Nerother Bundes und der Rheinischen Jugendburg«, in der er über die Rolle der Erotik in einem Männerbund folgendes ausführt:

»Es gibt nur zwei Arten des inneren Gemeinschaftslebens. Das eine ist die Familie, dasandere die Gemeinschaft von Männern, Jünglingen und Knaben, die in freundschaftlicher Art und gebunden durch eine Idee zusammenleben.... Über die Mannesgemeinschaft möchte ich mehr sagen. Sie ist gleichsam die Keimzelle der Schöpfung, Fortdauer und Entwicklung des menschlichen Geistes« (vgl. L.V. Nr. 30/S. 28).

Den infamen Attacken der Nazis, den Nerother Wandervogel in den Dunstkreis eines Strichjungenmilieus abzudrängen, konnte Robert trotz seiner standhaften Bemühungen nichts entgegensetzen, seine Position gegenüber diesen faschistischen Machenschaften war aussichtslos. Die Reichsjugendführung lastet homosexuelle Verfehlungen der Erziehungskonzeption und den Führergrundsätzen der Bündischen Jugend an. Auf der Grundlage des gefälschten Briefes von Robert baut sie eine Beweisführung auf, die mit Hilfe der erpreßten Geständnisse dann zu den gewünschten Ergebnissen führte. In einem GeStaPo-Telegramm wird die Burg Waldeck als »ein Seuchenherd widerlicher Unzucht« dargestellt. Daraufhin ordnet Himmler am 9. April 1937 die Beschlagnahme der Burg Waldeck an. Eine weitere große Verhaftungswelle rollt über die noch illegal existierenden Nerother-Gruppen. Robert Oelbermann ist in den Augen der Ge-StaPo-Leitstelle Düsseldorf »ein Mensch, der überhaupt nicht wieder in die Freiheit gehört«. Er wurde daraufhin in das KZ Dachau überführt und verstarb am 29. 3. 1941. Laut Kommandanturbericht erlag er einem, »Versagen von Herz und Kreislauf bei Asthma und Oedemen.« Wer aber um die katastrophale ärztliche Versorgung im KZ Dachau weiß, dem ist auch klar, daß die Nazis bewußt den Tod von Robert in Kauf nahmen. In einem Prozeß im Jahre 1949 gegen den GeStaPo-Beamten H. stellte das Gericht in seiner Urteilsbegründung unmißverständlich fest, daß es sich bei dem Prozeß im Jahre 1936 gegen Robert Oelbermann »um eine Verfolgung aus politischen Gründen gehandelt hat und es das Ziel der GeStaPo war, die sogenannte »Bündische Jugend« und ihre Führer zu verfolgen.« (vgl. L.V. Nr. 21 / S. 125) So wie man ihm sein Daseinsberechtigung im faschistischen Deutschland bestritt, sollte auch der autonomen und freien deutschen Jugend klar vor Augen geführt werden, was sie von diesem Terrorsystem zu erwarten hatte. Weil die Quellenlage über die letzten Lebensjahre und -monate von Robert sehr dünn ist, habe ich versucht, näheres aus Dachau und Sachsenhausen zu erfahren. Im Archiv des ehemaligen KZ's Dachau existieren keine Unterlagen über ihn. Um so erfreuter war ich über die Nachricht, die ich aus Sachsenhausen erhielt. Ein ehemaliger Mithäftling von Robert, Werner Staake, hat mir von seinen Erlebnissen mit Robert Oelbermann berichtet.

Mit diesem Brief möchte ich den zweiten Teil meiner Arbeit über den Nerother Wandervogel beenden und ihn den interessierten Lesern vorstellen.

Literaturnachweise und Literaturempfehlungen

1. Beck, Johannes / Boehncke, Heiner / Heinz, Werner / Viannai, Gerhard (Hrsg.). Terror und Hoffnung in Deutschland 1933 - 1945. Leben im Faschismus. Rowohlt Taschenbuch Bd. 7 381, rororo sach-buch. Reinbek: Rowohlt 1980. 528 S.

2. Berliner Geschichtswerkstatt e.V. Red.: Christa Jancik u.a.: Vom Lagerfeuer zur Musikbox Jugendkulturen 1900 -1960 Elefanten Press Verlag GmbH, Berlin 1985.

3. Buscher, Paulus: Bündische Jugend in Illegalität und Widerstand 1933- 1945. In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert Hermann Luchterhand Verlag 1986, S. 314 ff.

4. Boesten, Egon: Jugendwiderstand im Faschismus. Demokratische Erziehung Unterrichtseinheiten für Schule und Jugendbildung. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1983. Heft Nr. 17.

5. Ebeling, Hans / Hespers Theo (Hrsg.). Kameradschaft - Schriften junger Deutscher - Reprint Dirk Hespers »Vive le Gues Verlag« Sommer 1983.

6. Fritsch, Horst, (Hrsg.): Liederblätter deutscher Jugend, Heft Nr. 26, Lieder der Bündischen Hunde, Südmarkverlag Fritsch KG, Heidenheim an der Brenz, Herbst 1983.

7. Goeb, Alexander: Er war sechzehn, als man ihn hängte. Das kurze Leben des Widerstandskämpfers Bartholomäus Schink, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Juli 1981 rororo panther Bd. 4 768.

8. von Hellfeld, Matthias: Edelweißpiraten in Köln. Jugendrebellion gegen das 3. Reich. Das Beispiel Köln-Ehrenfeld. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage 1983. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 142 S.

9. von Hellfeld, Matthias / Klönne, Arno: Die betrogene Generation, Jugend im Faschismus. Quellen und Dokumente. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985. 352 S.

10. Helmers, Gerrit / Kenkmann, Alfons: »Wenn die Messer blitzen und die Nazis flitzen...«, Der Widerstand von Arbeiterjugendcliquen und -banden in der Weimarer Republik und im »Dritten Reich«. Verlag Walter Leimeier, Lippstadt 1984. 267 S.

11. Jahnke, Karl-Heinz: Jugend im Widerstand 1933 - 1945. Neu bearbeitete und erweiterte Auflage 1985, Röderberg-Verlag Frankfurt am Main. 248 S.

12. Jovy, Michael: Jugendbewegung und Nationalsozialismus, Zusammenhänge und Gegensätze — Versuch einer Klärung —, Münster 1984.

13. Klönne, Arno: Hitlerjugend. Die Jugend und ihre Organisation im Dritten Reich. Hannover und Frankfurt/M. 1955.

14. Klönne, Arno: Gegen den Strom. Bericht über Jugendwiderstand im Dritten Reich. Hannover und Frankfurt 1958. Neudruck Wiesbaden, Hessischer Jugendring 1968.

15. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Jugendbewegung, Hitlerjugend, Jugendopposition. In: Journal für Geschichte, Heft3(1980) S. 14 ff.

16. Klönne, Arno: Jugendkriminalität und Jugendopposition im NS-Staat. Ein sozialgeschichtliches Dokument, hrsg. u. eingeleitet von Arno Klönne. In: Kriminalität und Gefährdung der Jugend. Lagebericht des Jugendführers des Deutschen Reiches. Berlin 1941; Nachdruck: Münster 1981.

17. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen. 1. Auflage 1982. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln.

18. Klönne, Arno: Jugendwiderstand, Jugendopposition und Jugendprotest im Dritten Reich. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung, Bd. 14, Witzenhausen 1982/83, S. 65 ff.

19. Klönne, Arno: Bündische Jugend, Nationalsozialismus und NS-Staat. In: Schmädeke, Jürgen / Steinbach, Peter: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler. Piper, München 1986, S. 182 ff.

20. Klönne, Arno: Jugendliche Subkulturen im Dritten Reich. In: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Hermann Luchterhand Verlag 1986. S. 308 ff.

21. Krolle, Stefan: »Bündische Umtriebe« Die Geschichte des Nerother Wandervogels vor und unter dem NS-Staat. Ein Jugendbund zwischen Konformität und Widerstand. Mit einem Vorwort von Arno Klönne. Lit Verlag Münster 1985. Geschichte der Jugend Bd. 10

22. Meeth, Klaus-Peter: Die Söhne der Windrose. Der Nerother Wandervogel — Teil l: 1890 -1933. In: Heimatjahrbuch 1986, Kreis Daun, Vulkaneifel. Weiss-Druck, Monschau. S. 242 ff.

23. Mogge, Winfried: »Der gespannte Bogen«, Jugendbewegung und Nationalsozialismus: Eine Zwischenbilanz, In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 13/1981, Burg Ludwigstein 1981, S. 11 ff.

24. Nerother Wandervogel im Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg, Burg Waldeck/Hunsrück, 50 Jahre Nerother-Bund, 1920 -1970, Jubiläumsschrift Selbstverlag, 5449 Dorweiler, Weihnachten 1970.

25. Der Herold, Bundesschrift der Nerother, Heft Nr. 4/5 — 1956, Herausgeber und Schriftleitung: Nerother Wandervogel, 5449 Dorweiler, Nerotherburg Waldeck, S. 34/35.

26. der wohltemperierte baybachbote mitteilungsblatt der arbeitsgemeinschaft bürg waldeck (abw) 1985 bürg waldeck

27. Peukert, Detlev: Die Edelweißpiraten. Protestbewegung jugendlicher Arbeiter im Dritten Reich. 2. Auflage 1983, Bund-Verlag.

28. Peukert, Detlev: Protest und Widerstand von Jugendlichen im Dritten Reich, In: Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 -1945, (Hrsg.): R. Löwenthal / P. von zur Mühlen, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH, Berlin/Bonn 1982, S. 177 ff.

29. Schilde, Kurt: Jugendorganisation und Jugendopposition in Berlin-Kreuzberg 1933 - 1945. Eine Dokumentation. Herausgegeben vom Verein zur Förderung der interkulturellen Jugendarbeit in S.O. 36 e.V. 1983, 140 S.

30. Steinbiß, Florian: Deutsch — Folk. Auf der Suche nach der verlorenen Tradition. Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 2 988, Mai 1984,151 S.

31. Theilen, Fritz: Edelweißpiraten. Herausgegeben und mit einer Dokumentation von M.v. Hellfeld. Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 7 548, März 1984. 213 S. Fischer Boot.

32. Verhoeven, Michael / Mario Krebs: Die Weiße Rose. Der Widerstand Münchener Studenten gegen Hitler. Informationen zum Film. Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 3 678, April 1983, 214 S. Fischer Cinema.

»Die Söhne der Windrose«

Korrekturen zum l. Teil der Artikelserie über den Nerother Wandervogel im Jahrbuch des Kreises Daun 1986 S. 242 ff

Bildnachweis

Quelle: Horst Fritsch (Hrsg.) Bildbroschüren, Schloßkerle, 9. Ausgabe, Südmarkverlag Fritsch KG, 1978, S. 7 = Bild auf Seite 243

Quelle: Nerother Wandervogel »Der Herold«, Bundesschrift der Nerother, Heft Nr. 13, S. 17 = Bild auf Seite 247

Korrigiertes Literaturverzeichnis auf Seite 252

7. Werner Klose: Aufbruch der Wandervögel in: Westermanns Monatshefte Alternative Lebensformen (X), Juni 6/1983, Seite 26 -34.

8. Rudolf Kneip: Rund um die Windrose, Piratenbücherei, Band Nr. 5 Südmarkverlag Fritsch KG, 1972 - 135 Seiten

9. Norgard Kohlhagen: Für Mädchen verboten! Die Geschichte von einer, die anders leben wollte. Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH, Oktober 1984 rororo rotfuchs, Band 373, 155 Seiten.

10. Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Studienausgabe 1978/2, unveränderte Auflage 1983 Verlag, Wissenschaft und Politik - 280 Seiten.

11. Alexander Lipping/Björn Grabendorff: Lieder der Landstraße, Texte und Noten mit Begleit-Akkorden, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., Juni 1984 Nr. 2992 -176 Seiten

12 Nerother Wandervogel im Bund zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg, Burg Waldeck/Hunsrück, 50 Jahre Nerother-Bund (1920 - 1970), Jubiläumsschrift im Selbstverlag, 5449 Dorweiler Weihnachten 1970.




>> Der Artikel kommt vom Jahrbuch des Kreises Daun 1987 (http://www.jahrbuch-daun.de/)